Pelze statt Polyester: Mode aus Tieren wird in Gütersloh wieder beliebter

Produkte aus Fell haben ein negatives Image. Trotzdem gelten sie als nachhaltig und umweltfreundlich. Wie kann das sein?

Oliver Herold

Pelze en masse: Auf dem Arbeitsttisch von Kürschnermeisterin Barbara Janßen liegen zahlreiche Fuchsfelle. Die grüne Plakette im Ohrist mit eine Nummer versehen, mit der man nachvollziehen kann, woher der Pelz kommt. - © Oliver Herold
Pelze en masse: Auf dem Arbeitsttisch von Kürschnermeisterin Barbara Janßen liegen zahlreiche Fuchsfelle. Die grüne Plakette im Ohrist mit eine Nummer versehen, mit der man nachvollziehen kann, woher der Pelz kommt. (© Oliver Herold)

Gütersloh. Tier- und Artenschützer sind sich einig: Das Tragen von Pelzbekleidung ist nicht mehr zeitgemäß, niederträchtig und daher zu verabscheuen. Schließlich, so die Argumente, seien Lebewesen aus reiner Profitgier gequält und grausam getötet worden. Doch trotz dieses Negativimages erfreuen sich Pelze und Lederwaren nach wie vor großer Beliebtheit, ja, die Nachfrage steige sogar wieder. Und zwar ausgerechnet deshalb, weil Felle als nachhaltig und umweltfreundlich gelten. Dazu trägt auch ein neues Label des Zentralverbandes des Kürschnerhandwerks bei. Aber das ist nicht der einzige Grund.

Überwiegend Recycling: Kürschnermeister Holger Thieme verarbeitet einen alten Mantel zu einem neuen. - © Andreas Frücht
Überwiegend Recycling: Kürschnermeister Holger Thieme verarbeitet einen alten Mantel zu einem neuen. (© Andreas Frücht)

"Ein Pelzmantel hält problemlos 50 bis 60 Jahre, er geht bei entsprechender Handhabe einfach nicht kaputt", erläutert Kürschnermeistern Barbara Janßen. Zudem seien Pelze weich, warm, atmungsaktiv sowie wasserabweisend und könnten immer wieder weiterverarbeitet werden. Und zwar, ohne dass man neues Material benötige. "Aus einem Mantel kann ich beispielsweise einen Schal oder eine Mütze machen, der Rohstoff dafür ist ja da und hält in dieser neuen Form viele weitere Jahre", sagt sie.

Mit einem Zertifikat lässt sich die Verarbeitungskette nachhalten

Janßen kennt die Argumente der Tierschützer, doch die seien "vielfach einfach falsch". Natürlich, es gebe Tiere wie beispielsweise Nerze, die nur wegen ihrer Felle gezüchtet würden. "Alle Pelze und Lederwaren, die ich einkaufe, stammen von Tieren, die in freier Natur gelebt haben und die nicht wegen ihres Fells getötet wurden", sagt sie. Das garantiere das Label "WePreFur", wo Janßen Mitglied ist und dessen Motto "fair, regional, ökologisch und nachhaltig" lautet. Vom Erlegen des Tieres durch den Jäger oder Förster über die Verarbeitung bis hin zum Verkauf sei dabei alles nachzuhalten. Anhand einer Nummer könne so ganz genau bestimmt werden, woher der Pelz komme und welcher Jäger es erlegt hat.

Muss ausgebessert werden: Schrotladung im Pelz eines erlegten Waschbären. - © Oliver Herold
Muss ausgebessert werden: Schrotladung im Pelz eines erlegten Waschbären. (© Oliver Herold)

Vor etwa drei Jahren hat der Zentralverband des Deutschen Kürschnerhandwerks dieses Label ins Leben gerufen, um das Negativimage der Branche aufzupolieren. Mit einer Art Feiertag am 9. Oktober zelebrieren die dem Label angeschlossenen Kürschner jährlich "WePreFur". Es kennzeichnet Felle, die aus europäischer Jagd stammen und die in deutschen Kürschnerbetrieben verarbeitet wurden. Verwertet werden laut Verband dabei ausschließlich Felle von frei lebenden Tieren aus der Region, die auf der Liste der sogenannten invasiven Arten stehen. Dazu zählen beispielsweise Rotfüchse, Nutrias oder Waschbären, die durch das Fehlen natürlicher Feinde oder durch ihre Überpopulation andere Tierarten und somit die heimischen Ökosysteme gefährdeten. "Bis vor wenigen Jahren wurden diese Tiere von Jägern nur erlegt", berichtet Janßen. "Die Felle sind dabei nicht verwertet sondern mitsamt den Tieren entsorgt worden, beim Rotfuchs beispielsweise waren das über 95 Prozent." Kunden der 57-Jährigen könnten sich also sicher sein, dass nur Material verwendet werde, das sowieso vorhanden sei.

60 Prozent der Kleidung weltweit enthalten Polyester

Tierrechtorganisationen wie Peta mögen dieser Argumentation nicht folgen, sie stellen die Notwendigkeit der Jagd grundsätzlich und das Tragen von tierrischer Bekleidung im Allgemeinen in Frage. Auf der Internetseite des Vereins verweist man als Alternative mit einem Link (veganemode.info) stattdessen auf tierfreundliche Mode, die beispielsweise aus Polyester, Polyurethan, Baumwolle oder Nylon besteht. Aber sind diese Materialien besser, nachhaltiger und umweltfreundlicher als tierische Produkte?

"Nicht unbedingt", sagt Holger Thieme. Der 55-jährige Kürschnermeister, der sein Geschäft seit Jahren in der Fußgängerzone betreibt, ist, wie er sagt, "aus zeitgründen" zwar nicht Mitglied bei "WePreFur", findet das Zertifikat aber gut. Die von Vereinen wie Peta angepriesenen "tierfreundlichen Bekleidungen" sieht er indes kritisch: "In dieser Kleidung sind oft viel Chemie und Plastikfasern verarbeitet, die lange Zeit niht verrotten", sagt er. Diese würden durchs Waschen freigesetzt und gelangten - Stichwort Mikroplastik - in die Natur. Jüngst erst hat Greenpeace ermittelt, dass 60 Prozent der Kleidung weltweit Polyester enthält. Doch auch Baumwolle als Material sei Thieme zufolge alles andere als umweltfreundlich, schließlich würden zur Produktion "Unmengen an Wasser und Pestiziden" eingesetzt - egal, ob konventionell oder biologisch. "Was daran nachhaltig sein soll, erschließt sich mir nicht."

Pelze können immer wieder weiterverarbeitet werden

Thieme schwört wie seine Kollegin Janßen daher auf Fellprodukte. Leder sei beispielsweise für Motorradkleidung nach wie vor sehr gefragt und auch große Marken der Modebranche setzten wieder vermehrt auf Pelz, und wenn es nur der Kragen von Jacken sei.

Eine Arbeit, die auch die der Kürschnermeister ist. "Meistens verwenden wir das mitgebrachte Material von Kunden, die es geerbt haben und nicht wegwerfen wollen", erläutert Janßen. Hier habe das Interesse in den vergangenen Jahren deutlich angezogen, denn Omas Pelzmantel bekomme so ein zweites oder drittes Leben. Und: "Die Weiterverarbeitung als Innenfutter oder als Mütze ist ja auch eine Wertschätzung des vor vielen Jahren erlegten Tieres und seines ersten Trägers", sagt Janßen, die, wie Thieme auch, einen Großteil der Pelze "recycelt". Den Rest, sagt sie, kaufe sie dazu. "Das WePreFur-Label sorgt dafür, dass wir reinen Gewissens arbeiten."

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.