Kommentar: Bielefelder Jahnplatz wird wohl schon nächsten Sommer autofrei sein

Überall holpert’s und die Stadt plant ins Blaue hinein. Dafür werden wir bald ganz nebenbei erleben können, wie sich ein autofreier Jahnplatz anfühlt.

Christine Panhorst

Im schlimmsten Fall gerät der Jahnplatz zum Stückwerk, das ewig nachgebessert werden muss. - © Andreas Zobe
Im schlimmsten Fall gerät der Jahnplatz zum Stückwerk, das ewig nachgebessert werden muss. (© Andreas Zobe)

Bielefeld. Die ersten Baken signalisieren: Hier wird gebaut! Busse und Autos drängeln sich auf einer einzelnen Spur über den Jahnplatz, weil die Umweltspur dicht ist. Die vieldiskutierte Versuchsphase ist Vergangenheit, just nachdem man sie als neue Realität akzeptiert hatte. Die Karriere des Jahnplatzes hat begonnen – vom zentralen Knotenpunkt zur Dauerbaustelle (kurzfristig) und von der lärmigen Asphalt-Brache zum grünen Wohlfühlort mit Verteilerfunktion (langfristig).

Zwei Jahre soll die Haupt-Umbauzeit ab dem Sommer 2020 dauern. Dann wird groß aufgerissen. Allein beim Gedanken daran macht man als Autofahrer schon jetzt lieber vorsorglich einen großen Bogen um den Jahnplatz. Dabei wird die Großbaustelle zumindest einen positiven Nebeneffekt haben.

"Kompliziert ist ja ohnehin schon alles beim Jahnplatz"

Wir werden in den kommenden Jahren wohl erleben dürfen, wie sich ein autofreier Jahnplatz tatsächlich anfühlt – und das ganz ohne die komplizierten Abstimmungen und politischen Gemetzel zum ersten Verkehrsversuch. Einfach direkt in der Praxis. Denn mit den großangelegten Umbauarbeiten wird den Bielefeldern gewissermaßen ein zweiter Verkehrsversuch gestiftet – ganz nebenbei! Gebaut wird ja sowieso. Wie herrlich unkompliziert.

Und kompliziert ist ja sonst ohnehin schon alles beim Jahnplatz: Geplant wird mit einem Fahrradparkhaus samt Einfahrtrampen (nur, dass das Jahnplatz-Forum erst noch gekauft werden muss). Und geplant wird so, dass in Zukunft eine Straßenbahn über den Jahnplatz fahren kann (ist aber noch lange nicht entschieden). Sogar „autofrei" wäre drin (da gibt’s aber keinen politischen Konsens).

"Von asphalt-grau nach nachhaltig-grün"

Auch bei der Vergabe der Entwürfe holperte es ordentlich: Es fehlten Angebote. Die Stadt fand erst im zweiten Anlauf Architekten für die Entwürfe der Haltestellendächer. Kein gutes Vorzeichen für die Suche nach Baufirmen, die in kürzester Zeit, perfekt abgestimmt und parallel werden arbeiten müssen, um den Jahnplatz in nur zwei Jahren Bauzeit von asphalt-grau nach nachhaltig-grün umkrempeln zu können. Reißt die Stadt diese zeitliche Hürde, ist das Fördergeld futsch.

Die größte Gefahr bei all den Unwägbarkeiten ist jedoch, dass der Jahnplatz zum gut gemeinten Stückwerk mit viel verschenktem Potenzial gerät. In dem Fall wird man noch lange nachbessern müssen.

"Wie eine Rumpel-Ecke im Wohnzimmer"

Es steht aber auch fest: Ja, die Fördergelder sind jetzt da. Ja, jetzt ist der Zeitpunkt und gibt es das gesellschaftliche Klima für eine Verkehrswende. Und ja, der Jahnplatz ist ein Schandfleck. Man hat sich als Bielefelder nur einfach an ihn gewöhnt wie an eine Rumpel-Ecke im Wohnzimmer.

Eine wirklich schlechte Idee für Bielefeld ist jedoch, dass der Jahnplatz in der öffentlichen Diskussion um die Verkehrswende so viel Raum einnimmt und oft so isoliert betrachtet wird, dass er den Blick auf das große Ganze und die vielen kleineren zugehörigen Stellschrauben verstellt. In einem Dorf mag es reichen, den Marktplatz umzugestalten, um die Zukunft einzuläuten. Für eine Großstadt reicht so ein symbolischer Akt nicht.

Der Jahnplatz ist ein wichtiges Organ, sein Umbau eine chirurgische Maßnahme, die durchaus Sinn macht. Sie wird den Verkehrskreislauf des Organismus Bielefeld aber nicht stabilisieren können.

Ein undankbarer Job

Es wird viel diskutiert, gestritten und beschlossen: Wie kann der Ostwestfalendamm als Verteiler noch besser genutzt werden? Wo sind Einbahnstraßen sinnvoll? Muss das Park&Ride-System neu aufgestellt werden? Welche Anreize können noch geschaffen werden, um den Bielefeldern den Umstieg vom Auto schmackhaft zu machen? Vieles klingt gut. Doch allein ob der Länge der Liste wird es auch hier bei der Umsetzung an Planern, Zeit und Geld mangeln – wie schon heute beim Jahnplatz-Projekt.

Und zwar wird die Verkehrswende sich nicht am Jahnplatz entscheiden, aber wohl manche politische Zukunft. Es ist ein Job mit ebenso vielen Unwägbarkeiten wie der Umbau selbst.

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