Abzocke: Schädlingsbekämpfer fordert fast 2.000 Euro für Rattenköder

Massiver Abzocke aufgesessen - Im August hat Elke Niemann einen Schädlingsbekämpfer auf das Grundstück geholt. Etwas zu gutgläubig vertraute sie dem Kostenvoranschlag.

Ingo Müntz

Pro Köderbox berechnete der Rattenfänger 80 Euro. Alles zusammen kostete fast 2.000 Euro. - © Ingo Müntz
Pro Köderbox berechnete der Rattenfänger 80 Euro. Alles zusammen kostete fast 2.000 Euro. (© Ingo Müntz)

Kreis Gütersloh. "Wir hatten Ratten auf dem Grundstück. Der Stadt war bekannt, das vermehrt Ratten auftraten und hatte empfohlen, einen in der Stadt renommierten Schädlingsbekämpfer zu engagieren", sagt Elke Niemann. "Wir haben also im Internet unter Schädlingsbekämpfung und Rheda-Wiedenbrück geguckt. Und dann ist da einiges schiefgelaufen ..." Das Gute vorab: Die Ratten sind so gut wie weg. Doch bereits während der Internetrecherche nahm das Unheil seinen Lauf. Auf der Internetseite prangte unter dem angegebenen Suchergebnis eine 0800er-Nummer. "Unter dieser Nummer erhielten wir einen groben Kostenvoranschlag, dass eine Köderbox in etwa 25 Euro kosten werde. Wir dachten die ganze Zeit, wir wären bei einem Schädlingsbekämpfer aus dem Kreis gelandet", erinnert sich Elke Niemann. Doch Niemann lag daneben. Denn sie war einer geschickt platzierten Anzeige aufgesessen. Der Anruf löste eine Kette von Aktionen aus, die die Familie am Ende teuer zu stehen kamen. Und das ohne offizielle Rechnung, die Elke Niemann vergeblich bis heute einfordert.

Die angerufene und zunächst beauftragte Firma MK Notservice hat ihren Sitz in Ebersbach, Sachsen. Eine Firma, die laut Internetrecherche lediglich Notdienstaufträge vermittelt. In ihrem Geschäftsbrief heisst es, "Wir sind Vermittlungsdienst und nicht der Rechnungssteller. Reklamationsansprüche (...) sind an die Ausführungsfirma zu stellen". Weiter geht aus der konversation zwischen Niemann und MK Notservice hervor, dass der Auftrag aus Rheda-Wiedenbrück über Sachsen an die Firma Ali Emharraf in Essen vermittelt wurde. Einer Firma, der der Firma MK Notservice auf Nachfrage von Familie Niemann übrigens keine weiteren Informationen vorliegt. Schließlich kam ein Rattenjäger auf das Grundstück und verrichtete seine Arbeit. Der Name des Mannes ist auf der handschriftlichen Quittung nicht lesbar, dafür aber die ausführende Firma: Schädlingsbekämpfer Neudorf. Und auf der Rechnung steht noch etwas interessantes, nämlich die Kosten des Einsatzes: 1.980,39 Euro Brutto.

Viel zu perplex, statt empört, hat sie die horrende Rechnung bezahlt

Der Preis setzt sich zusammen aus Arbeitspauschale, Einsatzpauschale, Lohnkosten, fünf Köderboxen à 79,90 Euro und dem Quadratmeterpreis (4,36 Euro pro untersuchtem Quadratmeter). Insgesamt habe sich der Mann etwa eine Stunde auf dem Grundstück aufgehalten. Das ergibt dann schon einen ordentlichen Stundenlohn. Viel zu perplex, statt empört, wurden in bar gut 1.000 Euro übergeben und anschließend der Rest überwiesen. So richtig bewusst wurde den Betroffenen die Abzocke erst, als sie sich die Rechnung ansahen: Keine Unternehmensadresse, keine Steuer-ID, keine erkennbaren Namen. Auf die Bitte nach einer gültigen Rechnung für das Finanzamt teilte der Auftragsnehmer aus Ebersbach mit: "Weitere öffentliche Daten zur Ausführungsfirma liegen leider nicht vor". Zwei Monate später hat Familie Niemann immer noch keine korrekte Rechnung vorliegen. Da drängt sich auch die Frage auf: In wessen Tasche ist eigentlich die Umsatzsteuer gelandet?

Teure Rattenjagd: Elke Niemann ist verärgert. Bis heute hat sie keine reguläre Rechnung über den Einsatz des Schädlingsbekämpfers. - © Ingo Müntz
Teure Rattenjagd: Elke Niemann ist verärgert. Bis heute hat sie keine reguläre Rechnung über den Einsatz des Schädlingsbekämpfers. (© Ingo Müntz)

"Lassen Sie sich auf jeden Fall einen schriftlichen Kostenvoranschlag geben und achten Sie darauf, ob der Schädlingsbekämpfer zertifiziert und geprüft ist", sagt Hartmut Heydenreich. Der Gütersloher Schädlingsbekämpfer ist seit Jahrzehnten im Geschäft, dabei auch im Auftrag unterschiedlicher Kommunen unterwegs. "2.000 Euro sind natürlich viel zu teuer", sagt der 74-Jährige und beziffert einen vergleichbaren Einsatz auf vielleicht ein Zehntel der Summe. "Eine gefüllte Köderbox kostet 25 Euro, dazu eine Aufwandspauschale, da wären wir mit fünf Boxen bei einem Gesamtpreis von höchstens 300 Euro." Neben den mittlerweile horrenden Preisen mancher Schlüsseldienste warnt Heydenrich schon mal vorab. "Wenn es im kommenden Jahr wieder Wespennester zu entfernen sind, kann das auch schnell sehr teuer werden. Die Menschen müssen sich dringend informieren. Auch darüber, welche Wespenarten entfernt werden dürfen und welche nicht!"

Die Verbraucherzentrale rät dringend dazu, die Firmen intensiv zu überprüfen

Der Verbraucherzentrale sind diese sittenwidrigen Praktiken bekannt. "Wir beobachten solche Vorgehensweisen und überzogenen Rechnungen verstärkt bei der Entfernung von Wespennestern. Bekannt sind auch die Machenschaften einiger Schlüsseldienste. Mit Schädlingsbekämpfern des Kreises haben wir bisher keine Probleme", sagt Julian Lambracht. "Wir empfehlen dringend, Anbieter der Region zu beauftragen. Dafür kann es hifreich sein in das jeweilige Impressum der Internetseite zu gucken. Außerdem macht es Sinn über den Berufsverband, den Deutschen Schädlingsbekämpferverband, Empfehlungen einzuholen." Das größte Problem seien oftmals die Anzeigen, die auf der Suchseite des Internets hochgespült würden, so Lambracht. "Darum immer genau prüfen, wer genau hinter dem Unternehmen steht und wo das verortet ist. Außerdem immer einen schriftlichen Kostenvoranschlag fordern und nie sofort bezahlen. Erst nachdem eine reguläre Rechnung vorliegt." Diese Praktiken und die Preise seien sicherlich sittenwidrig. "Natürlich kann man Anzeige erstatten. Möglicherweise hat der Staatsanwalt mehrere Anzeigen dieser Art vorliegen und wird tätig. In den meisten Fällen verläuft so eine Anzeige aber im Sand und die Leute sind über alle Berge."

Auch Elke Niemann denkt darüber nach eine Anzeige zu erstatten. Von möglichen Erfolgsaussichten sieht sie sich aber meilenweit entfernt. "Schließlich würden dann auch noch Anwaltskosten auf uns zukommen. Und das Geld ist ja vermutlich für immer weg. Darum ist es umso wichtiger andere Menschen im Kreis zu warnen!"

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