Bielefelder will den Weltmeisterzug von 1954 vor der Verschrottung retten

Nach dem sensationellen Gewinn des Titels fuhr die Nationalmannschaft damals im weinroten Zug gen München. Hunderttausende jubelten den Spielern zu. Nun droht dem letzten VT08-Zug die Verschrottung

Kurt Ehmke

Er will den WM-Zug retten: Eisenbahner Olaf Teubert (83). - © Kurt Ehmke
Er will den WM-Zug retten: Eisenbahner Olaf Teubert (83). (© Kurt Ehmke)

Bielefeld/Meiningen. Es sind Bilder, die fast jeder Deutsche kennt. Bilder, die sich eingebrannt haben ins nationale Gedächtnis: Am 5. Juli 1954, dem Montag nach dem sensationellen 3:2-WM-Final-Sieg gegen Ungarn, rollte ein weinroter Zug mit dem Schriftzug "Fußballweltmeister 1954" gen München.

Hunderttausende feierten im Nachkriegsdeutschland das Signal aus dem Sport, das es nach Hitler und dem Krieg ein neues, ein vielleicht anderes und erfolgreiches Deutschland geben könnte. Unvergessen die Spieler, die sich aus dem Zug recken, den Pokal zeigen.

In den 80er Jahren geschah das heute kaum Fassbare: Der Zug wurde klammheimlich verschrottet. Aber er lebte wieder auf: Für den Film "Das Wunder von Bern" wurde der letzte Zug der Baureihe VT08 so aufbereitet, dass er exakt dem WM-Zug entsprach. Und jetzt? "Nun droht, dass auch dieser Zug verschrottet wird", ist Olaf Teubert sichtbar fassungslos. Er, der 50 Jahre Lokomotivführer bei der Bahn war, der sein Leben den Eisenbahnen verschrieben hat, will den Weltmeisterzug retten.

"Das ist ein Kulturgut"

Teubert: "Wenn wir das Segelschiff Gorch Fock retten, wenn wir die Boing 737 Landshut zurückholen, dann muss uns doch auch der Weltmeisterzug wichtig sein." Der Zug sei quasi das Gegenstück zu beiden. "Technisches und historisches Kulturgut" nennt Teubert alle drei. Nicht ohne Grund: Der VT08 war besonders - in ihm gab es laut www.vt08.de für Geschäftsreisende sogar ein Abteil mit Zug-Sekretärin und Zug-Telefon. 140 Kilometer pro Stunde schnell war der VT08.

Teubert kämpft dafür, dass der mehr als 100 Meter lange, spektakuläre WM-Zug, der im thüringischen Meiningen nahe Fulda steht, mehr bleibt als nur Erinnerung. Mit dem Zug verbinden dafür zu viele Deutsche diese Sätze von Radio-Moderator Herbert Zimmermann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!" Das war in der 84. Minute. Nach 90 Final-Minuten brüllte Zimmermann: „Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern."

Der Zug vergammelt

"Eierkopf": So nennt Teubert liebevoll den besonderen Zug der Reihe VT08. - © Silke Riethmüller
"Eierkopf": So nennt Teubert liebevoll den besonderen Zug der Reihe VT08. (© Silke Riethmüller)

Für diesen sportlichen Wahnsinn steht auch der prächtige rote Zug. Er war der erste, der in der Nachkriegszeit "den gepflegten Fernverkehr wieder auf die Beine bringen sollte", so Teubert. Der letzte VT08 sei wundervoll, innen hingen Schwarzweiß-Fotos von der WM. Aber er steht draußen, dem Wetter ausgesetzt. Er vergammelt. Seit gut zehn Jahren schon.

Dabei könnte der Zug, würde er für geschätzte drei Millionen Euro saniert, überall in Deutschland fahren, so Teubert. Warum nicht zur nächsten Europameisterschaft? Warum nicht bei Sonderfahrten? Warum nicht zu besonderen Anlässen? "Das wäre alles immer ausgebucht", ist sich der Eisenbahner sicher. Er hofft, dass die Bevölkerung sich hinter den weinroten Zug stellt. Denn: Andere tun das nicht.

Das entsetzt Teubert (83). Er gratulierte dem letzten lebenden 54er Weltmeister, Horst Eckel, zum 87. Geburtstag, und erwähnte die Tristesse des WM-Zuges. "Ich bekam keine Antwort." Er schrieb viele an, die im Fußball an großen Rädern drehen. Uli Hoeneß und Edmund Stoiber vom FC Bayern München. "Das Sekretariat von Hoeneß rief an und teilte mir mit, dass der FC Bayern leider nur gemeinnützige Dinge unterstütze", sagt Teubert - kopfschüttelnd. "Was ist es denn, wenn ich diesen Zug retten will?" Er grantelt: "In der Bundesliga haben 18 Vereine zu dieser Saison für Spieler 740 Millionen Euro ausgegeben - und für so ein wundervolles Stück Fußballgeschichte steht keiner ein." Liebevoll nennt er die markante runde Frontpartie des Zuges "Eierkopf".

Warme Worte - oder nichts

Teubert mag gar nicht schildern, "welch' blöde Antwort ich von Stoiber als FC-Bayern-Aufsichtsrat bekam", aber er sagt enttäuscht: "Für mittelmäßige Spieler werden 80 Millionen ausgegeben - und hier wünscht einem jeder nur irgendwie viel Glück." Ob Clemens Tönnies, Reinhard Rauball, Reiner Calmund, Rudi Völler oder Oliver Bierhoff - vom FCB über S04 bis BVB und DFB: überall warme Worte oder gar keine Antworten. Auch Adidas, damals Komplettausstatter der Weltmeister, habe keine Aktien in der Zugrettung. Und das Deutsche Fußballmuseum auch nicht.

Teubert aber gibt nicht auf. Nun setzt er auf die Medien. Und damit die Bürger. Zum Vorgespräch zur beliebten TV-Sendung Riverboat des MDR fährt er Anfang November nach Leipzig. Er hofft, dass der Druck steigt, das die Deutschen nicht hinnehmen, dass der weinrote WM-Zug ein zweites und letztes Mal verschrottet wird. Vielleicht braucht es ja wieder ein Wunder, wie damals, 1954.

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