Bei Einsatz brutal attackiert: Gütersloher Polizist spricht über Gewalterfahrung

Der Polizeibeamte Andreas Isenbort erlebt 2005 einen Einsatz, der ihm im negativen Sinne im Gedächtnis bleibt.

Max Maschmann

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Gütersloh. Wer Andreas Isenbort trifft, muss genau hinschauen, wenn er wissen will, was von jenem Einsatz im Oktober 2005 geblieben ist. Eine Narbe am Daumen der linken Hand, verursacht durch einen Biss, legt Zeugnis ab von der rohen Gewalt, mit der er seinerzeit bearbeitet worden ist. Isenbort (56), graues Haar, braune Augen, Brille, ist Polizist. In einem Cafè soll er nun über jenen Fall von häuslicher Gewalt erzählen, der eine jüngere Kollegin und ihn vor 14 Jahren in ein bürgerliches Wohngebiet im südlichen Stadtgebiet geführt hat und für Isenbort mit einem Hämatom an der Wirbelsäule im Krankenhaus geendet ist. Er soll stellvertretend stehen für die Gewalt und deren Folgen, denen sich Beamte regelmäßig ausgesetzt sehen.

Wie dieser Tag im Oktober 2005 bis zum Einsatz verlaufen ist, daran kann sich Isenbort im Rückblick gar nicht mehr so genau erinnern. Der 56-Jährige weiß nur nur so viel: Er hat vorher ein kurzes Hemd getragen und es ist taghell, als er mit seiner Kollegin im Streifenwagen in das Wohngebiet fährt. Dort werden die beiden Polizisten schon von jener Frau erwartet, die sie alarmiert hatte. Ihr Freund soll sie gewürgt haben, so der Vorwurf. Beim Gang durch die Wohnung treffen die Beamten im Wohnzimmer auf einen Mann, der auf der Couch sitzt. Noch ist nicht klar, ob es sich um den potenziellen Täter oder einen Freund der Frau handelt. Also nimmt Isenbort auf einer Sitzgelegenheit Platz und erkundigt sich, was passiert sei.

"Dieser Mensch hatte keinen Skrupel, jemanden zu schlagen"

Andreas Isenbort ist inzwischen beim Schwerpunktdienst in der Dalkestadt beschäftigt. - © Max Maschmann
Andreas Isenbort ist inzwischen beim Schwerpunktdienst in der Dalkestadt beschäftigt. (© Max Maschmann)

Eine Antwort darauf erhält er nicht, stattdessen erhebt sich der Gefragte wortlos und verlässt die Wohnung. Draußen, auf der Treppenempore, trennen ihn und Isenbort schon 15 Meter. "Er hat zu diesem Zeitpunkt angespannt, aber nicht feindselig gewirkt." Isenbort ruft ihm hinterher, dass es besser sei, nicht wegzulaufen. Da macht der Mann kehrt, beide gehen aufeinander zu. Plötzlich beginnt Isenborts Gegenüber loszulaufen. Erst langsam, immer schneller werdend. Bis eine Faust an das Kinn des Polizisten fliegt. "Das war ein Mensch, der keine Hemmschwelle, keinen Skrupel hatte, jemanden zu schlagen."

Isenbort fliegt die Brille vom Kopf, er taumelt nach hinten. Auf einem Rasenstück setzt sich sein physisch überlegener, durchtrainierter Kontrahent auf ihn und beginnt, auf ihn einzuschlagen. Erst als Isenborts Kollegin auf der Bildfläche auftaucht, lässt er von ihm ab. Nachdem er auch sie mit wenigen Schlägen bedacht hat, eilt der Mann wieder davon, ehe er umdreht und die die zwei Polizisten zuläuft - diesmal aber in Richtung von Isenborts Kollegin, die einige Meter vor dem 56-Jährigen unterwegs ist. Glücklicherweise verfehlen die Tritte des Angreifers die Polizistin. Stattdessen drückt er Isenbort in eine Buchenhecke. Der Polizist versucht sich zu wehren, will dem Kontrahenten in die Augen greifen - und zieht sich dabei die eingangs erwähnte Bisswunde zu.

Er habe eine wohlbehütete Jugend ohne Gewalt erlebt, sagt Isenbort. Der Sohn eines Tischlers und einer Hausfrau macht die mittlere Reife am Einstein-Gymnasium in Rheda-Wiedenbrück, ehe er sich für eine Ausbildung zum Polizeihauptwachtmeister in Stukenbrock entschließt. Isenbort hat diesen Job gewählt, weil er auf der Suche nach etwas "konjunkturunabhängigen" ist, dazu haben ihm das menschelnde und die Unberechenbarkeit des Jobs gefallen.

Diese Form der Gewalt richtet sich gegen ihn persönlich

Nach der Ausbildung ist er zunächst Teil einer Einsatzhundertschaft in Wuppertal und Köln. Nicht das, was Isenbort sich von seinem Job versprochen hat. Umso glücklicher ist er, als er wegen seiner Heirat im Oktober 1985 zur Wache nach Gütersloh kommt. Bis 2007 arbeitet er in einer Dienstgruppe im Wach- und Wechseldienst. Mit zweijähriger Unterbrechung (Leitungsstab beim Abteilungsleiter Polizei in Gütersloh) ist er seither beim Schwerpunktdienst in der Dalkestadt beschäftigt, der bei Demonstrationen oder Schützenfesten auf den Plan gerufen wird.

Die Gewalt, die er in seinem bisherigen Berufsleben erfahren habe, sei nie gegen ihn persönlich gerichtet gewesen. Das hier ist anders. Nachdem ihn der Angreifer durch die Hecke gedrückt hat, tritt er auf ihn ein. In Embryonalstellung kann der Beamte nur noch seinen Kopf und die Genitalien schützen. Dabei kassiert er auch den schmerzhaften Tritt in den unteren Rücken, durch den sich ein Hämatom an der Wirbelsäule bildet, wie sich später herausstellt. Irgendwann lässt der Mann von ihm ab und läuft davon. Die Kollegen sind da, der Albtraum vorbei.

Der Angreifer war wegen Widerstand und Körperverletzung polizeibekannt

Schon im Krankenhaus stellt Isenbort sich die Frage, ob er hätte anders handeln können: "Habe ich ihn mit irgendetwas provoziert?" Doch je mehr er über den Angreifer erfährt, umso mehr wird ihm bewusst, dass dieses Schicksal auch jeden anderen Kollegen hätte ereilen können. Jener Mann, der tatsächlich seine schwangere Freundin gewürgt hatte, war der Polizei in Rheda-Wiedenbrück bereits wegen Widerstand und Körperverletzung bekannt. "Hätten wir das gewusst, hätten wir uns anders aufgestellt", sagt Isenbort. So wird der Angreifer wegen dreifacher Körperverletzung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Ein Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte kann ihm vor Gericht nicht nachgewiesen werden, da es im Vorfeld des Angriffs an der Durchführung einer rechtmäßigen Amtshandlung fehlte. Diese Gesetzeslücke ist 2017 durch die Einführung des Paragrafen 114 des Strafgesetzbuches geschlossen worden. Seither steht auch der tätliche Angriff auf Polizeibeamte unter Strafe, ohne dass es zuvor eine Amtshandlung gegeben haben muss, die sich gegen die jeweilige Person richtet. Die Parteien einigen sich in einem gerichtlichen Vergleich zusätzlich auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 4.200 Euro, mit dessen Zahlung aber nie begonnen worden ist.

Verändert hat ihn dieser Einsatz nicht, sagt Isenbort. Besonders das Gespräch mit Kollegen habe ihm geholfen und so eine professionelle Hilfe eines Therapeuten überflüssig gemacht. Das funktioniert gleichwohl aber nicht bei allen Polizeibeamten. Wohl auch deshalb ist im Juni eine Erholungsstätte für traumatisierte Polizisten aus NRW in Waldbröl eröffnet worden, Polizisten aus dem Kreis Gütersloh sind dort noch nicht behandelt worden, wie eine Anfrage ergeben hat. Insgesamt aber, sagt er, sei es bei der Polizei im Laufe der Jahre einfacher geworden über Ängste und Gefühle zu sprechen. "Das liegt vielleicht daran, dass es eine Generation ist, die damit offener umgeht, und zugleich in der Ausbildung eine Kultur gepflegt wird, die darauf Wert legt."

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