Wenn man Eltern die Kinder wegnimmt: So arbeitet das Jugendamt

Überfordert von ihren Aufgaben, stapelt sich der Müll in der Wohnung von Ninas und Toms Eltern. Beide flüchten aus der Situation. Bevor es zum Sorgerechtsentzug kommt, werden alle Hilfen ausgeschöpft.

Anja Hustert

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Kreis Gütersloh. 66 Mal wurde im vergangenen Jahr Eltern das Sorgerecht entzogen. „Das ist aber immer das Ende der Eskalationsstufe", sagt Ulrike Zimmeck, Leiterin des Sachgebietes Beistandschaften beim Kreis. „Die Ursache ist dann häufig, dass die Zusammenarbeit mit der Familie nicht funktioniert", weiß auch Melanie Flöttmann, Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes und der Regionalstelle West des Jugendamtes. Es sei vorrangiges Ziel des Jugendamtes im Kreis Gütersloh Hilfe und Unterstützung zu geben, und so sicherzustellen, dass die Kinder innerhalb der Familie aufwachsen können. „Das Elternrecht ist in Deutschland sehr hoch angesetzt", betont Zimmeck.

Wenn ein Familiengericht entscheidet, den Eltern die Sorge für ihre Kinder zu entziehen, dann ist immer das Wohl dieser Kinder in Gefahr. „Sucht, psychische Erkrankung oder eine schwierige Lebenssituation", nennt Melanie Flöttmann als mögliche Ursachen, warum Eltern es nicht mehr schaffen, sich um ihre Kinder zu kümmern.

So wie bei den Eltern von Tom und Nina, 5 und 7 Jahre alt, beides Wunschkinder. Irgendwann registriert die Erzieherin im Kindergarten, dass die Mutter Besuchsanfragen anderer Kinder freundlich und scheinbar logisch begründet zurückweist. Die geplante Geburtstagsfeier von Nina sagt die Mutter kurzfristig über eine WhatsApp Nachricht bei den anderen Müttern ab - als Grund gibt sie einen plötzlichen Krankheitsfall in der Familie an.

Einem Handwerker fallen Berge ungewaschener Wäsche auf

Einem Handwerker fällt dann auf, dass im Bad Unmengen ungewaschener Wäsche liegen und es unangenehm riecht, die übrigen Türen der Wohnung sind verschlossen, in einer kurzen Sequenz kann er auch eine vollgestellte Arbeitsplatte in der Küche entdecken. „Über den Vermieter erfolgte eine Mitteilung an das Jugendamt", erinnert sich Melanie Flöttmann an diesen Fall. Hier sei die Meldung mit mehreren Fachkräften umgehend beraten und auf ihre Relevanz für das Kindeswohl geprüft worden. „Das Jugendamt kann nur dort tätig werden, wo es auch Kenntnis erhält", so Flöttmann. Mal seien es Kindergärten die sich melden, Ärzte, Familienmitglieder, Nachbarn, die auf Verwahrlosung, Mangelversorgung oder Gewalt in der Familie aufmerksam machen.

„Der erste Kontakt zur Familie gestaltete sich schwierig, erst nach mehrfachen Bemühungen gelang es, ein Gespräch in der Familie zu führen", erinnert sich Flöttmann an den Fall von Tom und Nina. Die Wohnung sei in einem chaotischen Zustand gewesen. Berge von teils sauberer, teils verschmutzter Kleidung lagen herum, die Kinder hätten selbst in ihren Betten keinen Platz mehr gehabt. In den Räumen standen Mülltüten, in der Sommerhitze haben sich bereits Maden gebildet.

Die Eltern verschwinden ohne Angabe ihres Aufenthaltes

Mit Zustimmung der Eltern werden die Kinder kurzfristig in einer Bereitschaftspflegestelle untergebracht, um den Eltern Zeit zu geben, mit professioneller Hilfe und Unterstützung an den häuslichen Umständen etwas zu verändern. „Die Eltern wirkten erleichtert und ließen sich zunächst auf dieses Vorgehen ein, verschwanden dann aber plötzlich ohne Angaben ihres Aufenthaltes", so Flöttmann. Um rechtssicher für die Kinder handeln zu können, wendete sich das Jugendamt umgehend an das zuständige Amtsgericht. Im Rahmen einer einstweiligen Anordnung wurde das Sorgerecht für die Kinder auf einen Vormund übertragen. Einer der Fälle im Kreis Gütersloh, bei denen das Familiengericht den Eltern das Sorgerecht entzogen hat und der nun in der Statistik zu finden ist.

Kennen sich in Sorgerechtsfragen aus: Sachgebietsleiterin Beistandschaften beim Kreis Gütersloh Ulrike Zimmeck (l.) und Mitarbeiterin der Regionalstelle West und des Pflegekinderdienstes Melanie Flöthmann. - © Anja Hustert
Kennen sich in Sorgerechtsfragen aus: Sachgebietsleiterin Beistandschaften beim Kreis Gütersloh Ulrike Zimmeck (l.) und Mitarbeiterin der Regionalstelle West und des Pflegekinderdienstes Melanie Flöthmann. (© Anja Hustert)

Übrigens führt das Gütersloher Familiengericht selbst keine Statistik über die Zahl der Sorgerechtsentzüge. „Im Jahr 2018 wurden hier insgesamt etwa 250 Verfahren zum Sorge- und Umgangsrecht geführt", hat Silke Bergstermann, Sprecherin des Amtsgerichtes, erfasst. „Überwiegend betreffen diese Verfahren Streitigkeiten zwischen den Eltern zur elterlichen Sorge beziehungsweise häufig zum Aufenthalt der Kinder nach Trennung der Eltern beziehungsweise zum Umgang."

Nur ein geringer Teil davon betreffe den Entzug des Sorgerechts. Bergstermann: „Ein Entzug der elterlichen Sorge kommt dann in Betracht, wenn das Kindeswohl gefährdet ist und andere Hilfe zum Beispiel durch das Jugendamt nicht mehr ausreichend ist. Dies kann ganz unterschiedliche Gründe haben, zum Beispiel Vernachlässigung oder Misshandlung der Kinder durch die Eltern. Auch die Ursachen sind häufig sehr unterschiedlich, beispielsweise Überforderung und Krankheit. Einen typischen Fall, in dem die elterliche Sorge in der Regel entzogen wird, gibt es daher nicht."

Happy End für Nina und Tom

Und wie ging es für Tom und Nina weiter? „Nach fast drei Wochen tauchten die Eltern wieder auf und zeigten sich einsichtig", erzählt Flöttmann. „Als Grund gaben sie an, einfach vor allen Problemen und möglichen Konsequenzen geflüchtet zu sein. Es habe zu viele belastende Dinge und Ereignisse in den letzten Jahren gegeben, irgendwann habe das Chaos die Herrschaft übernommen, gestanden sie ein. Wie im Sog sei es immer weiter bergab gegangen. Aus Angst und Scham habe man niemanden mehr in die Wohnung gelassen und sich immer weiter isoliert. Als die Waschmaschine streikte und das Geld für eine neue fehlte, sei der Ankauf gebrauchter Kleidung über das Internet und auf Flohmärkten die kurzfristig günstigere Alternative gewesen."

Die Sozialarbeiterin des Jugendamtes habe mit den Eltern das weitere Vorgehen erarbeitet. Ganz oben stand das Ziel, wieder als Familie zusammen zu leben. „Mit Unterstützung einer anfangs täglich eingesetzten Familienpflegerin eines freien Trägers ordneten die Eltern Raum für Raum", erinnert sich Flöttmann. „Eine Sozialarbeiterin desselben Trägers arbeitete mit den Eltern an den wesentlichen Belastungsfaktoren und ebnete auch den Weg zu weiteren Unterstützungs- und Beratungsangeboten" Nach zweieinhalb Monaten durften die Kinder wieder nach Hause.

„In regelmäßigen Umgangskontakten konnte zuvor beobachtet werden, dass ein gutes Bindungsverhalten der Eltern zu den Kindern besteht", erzählt Flöttmann. Auch die Vormundschaft konnte aufgehoben werden. Jetzt wird die Familie noch ein weiteres durch die sozialpädagogische Familienhilfe begleitet, bis sich alle einig sind, dass es zu einem solchen Absturz nicht mehr kommen wird. Flöttmann: „Schließlich geht es uns ja nicht darum, Kinder und Familien zu trennen, sondern Familien zu unterstützen, wo immer es geht."

Info

Sorgerechtserklärung

Im Jahr 2018 bearbeiteten die Jugendämter im Kreis auch 378 Sorgeerklärungen. Die Sorgeerklärung oder Sorgerechtserklärung ist eine spezielle Willenserklärung nicht miteinander verheirateter Eltern, die elterliche Sorge für ein Kind gemeinsam ausüben zu wollen. „Die Rechtslage in Deutschland bestimmt, dass bei ledigen Eltern das Sorgerecht automatisch bei der Mutter liegt", erläutert Ulrike Zimmeck, zu deren Sachgebiet die Sorgerechtserklärungen gehören. Kindergartenanmeldung, Schulanmeldung, Entscheidungen beim Arzt – das darf sonst die unverheiratete Mutter nur allein entscheiden. „1998 wurde durch die Kindschaftsrechtsreform eheliche und nichteheliche Kinder gleichgestellt und die Möglichkeit der Sorgerechtserklärung eingeführt", erläutert die Expertin. Im Schnitt habe man beim Kreis im Jahr 250 Beurkundungen. „Eltern ist es wichtig, das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder zu haben", hat sie beobachtet.

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