Gilt Tempo 80 auf Bielefelds Ostwestfalendamm bald auch tagsüber?

Mit Anträgen, Aktionen und Klagen haben Anwohner ihrem Frust über den Lärm Luft gemacht. Das zeigt bei den Entscheidern Wirkung - auch wenn die Wende überraschend kommt. Aktivisten präsentieren eine krasse neue Raser-Statistik.

Joachim Uthmann

Noch sind 100 erlaubt: Doch die Stadt will auf dem Ostwestfalendamm das Tempo auf 80 Kilometer pro Stunde senken. - © Andreas Frücht
Noch sind 100 erlaubt: Doch die Stadt will auf dem Ostwestfalendamm das Tempo auf 80 Kilometer pro Stunde senken. (© Andreas Frücht)

Bielefeld. Ein langer Kampf führt offenbar zum Erfolg. Seit Jahren streiten lärmgeplagte Bewohner der Viertel rund um den Ostwestfalendamm darum, dass auf der Stadtautobahn das Tempo von 100 auf 80 Kilometer pro Stunde gesenkt wird. Die Stadt wehrte das bisher ab. Jetzt schwenkt sie um.

Überraschenderweise schlägt das Amt für Verkehr am Dienstag dem Stadtentwicklungsausschuss des Rates vor, Tempo 80 auch tagsüber auf der gesamten Länge des OWD anzuordnen. Bisher war dies nur nachts von 22 bis 6 Uhr zum Schutz von Wohngebieten der Fall.

Anträge, Aktionen und Klagen

Die Bürger hatten sich mit Anträgen, Aktionen und Klagen gegen die Ablehnung der Stadt gewehrt. "Der OWD ist die lauteste Straße in Bielefeld", hatte Bernd Küffner vom Verkehrsclub VCD schon 2017 erklärt. Durch die Passlage des OWD wird der Lärm vor allem ins Breedenviertel in Quelle und ins Gebiet Haller Weg getragen.

Die Stadt und der Landesbetrieb Straßen NRW, der von der A 33 bis zur Brücke Haller Weg zuständig ist, blockierten anfangs sogar Messstellen, um die genaue Belastung zu ermitteln. Bisher gingen die Behörden davon aus, dass die Grenzwerte eingehalten werden.
Verkehr nimmt ständig zu

Doch die Zahl der Autos, die über den OWD rollen, steigt weiter an. Die Freigabe der A 33 wirkt sich zusätzlich aus. 2018 soll die Frequenz pro Tag gegenüber 2015 schon von 72.531 auf 77.918 Fahrzeuge gewachsen sein - mit der Folge von mehr Lärm und Schadstoffen. Der Pegel habe sich um 0,3 Dezibel erhöht.

Damit liegt der OWD weit über der Prognose, die 2006 einmal Grundlage für Planung war: 57.480 Autos waren damals täglich erwartet worden. Allerdings hatte man noch mit 9 Prozent Lkw-Anteil am Tag und 11,2 Prozent nachts gerechnet, der liegt jetzt laut Stadt aber nur bei 3,3 Prozent am Tag und 4,4 Prozent nachts.

Entlastungsstraße bei Verkehrswende

Bisher ging die Stadt aber davon aus, dass mit einzelnen Lärmschutzfenstern das Problem gelöst sei. Weil aber weiter Klagen drohen, hat das Verkehrsdezernat noch einmal das Rechtsamt eingeschaltet. Und das komme zu der Einschätzung, dass die Grenzwert-Unterschreitungen nur "sehr geringfügig" seien. Das bedeute ein Risiko.

Weil der OWD mit Blick auf die Verkehrswende, die die Stadt gerade einleitet und die Autos aus der Innenstadt drängen soll, auch stärker Entlastungsstraße werde, hält es das Amt für Verkehr für ratsam, jetzt doch an der Tempo-Schraube zu drehen. Leiter Olaf Lewald: "Damit würden wir besser fahren."

Orientierungswerte eingehalten

Denn insbesondere in den Spitzenstunden sei eine größere Verkehrsmenge zu erwarten. Bei der Entlastung der City komme dem OWD "eine zentrale Bedeutung" zu. Den Vorschlag der Polizei, für Lkw das Tempo sogar auf 60 zu reduzieren, für Pkw aber bei 100 zu belassen, hält die Stadt für gefährlich. Denn dann würde noch mehr überholt und das Unfallrisiko steige.

Die Stadt ist aber zuversichtlich, dass mit Tempo 80 die Orientierungswerte der Lärmschutzrichtlinien eingehalten werden, heißt es in der Vorlage, die Verkehrsdezernent Gregor Moss (CDU) unterschrieben hat.

Lärmpegel sinkt - aber nicht genug

Eine Minderung des Pegels um 2,1 Dezibel, den die Richtlinie als Mindestmaß eigentlich vorgebe, schaffe man so aber nicht. Doch die Geschwindigkeit noch mehr zu senken, sei angesichts der Verkehrsbedeutung des OWD nicht ratsam. Sonst drohe eine Verlagerung in die City.
40 Prozent fahren zu schnell

Der VCD fordert Tempo 80 schon lange. Wenn es jetzt eingeführt würde, müsse aber mit festen und mobilen Stellen gemessen werden. "Erst das macht den Lärmschutz wirksam", betont Küffner in einer Stellungnahme. Wichtig sei das auf der Graphia-Brücke, wo eine Messung ergeben habe, dass 40 Prozent der Autos schon bei Tempo 100 zu schnell fahren.

Ehe Tempo 80 kommt, müssen aber erst die Politiker zustimmen. Dann muss die Stadt Landesbetrieb und Polizei anhören. Erst dann könnten die Schilder aufgestellt werden.

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