Gewalt in der Pflege: Wenn Angehörige Grenzen überschreiten

Tausende Bielefelder pflegen Angehörige oder Freunde zu Hause. Sie sind eine große Stütze, aber ihre Belastung ist riesig. Die Folgen können Hass und Aggressionen sein - und es gibt verkannte Warnsignale. Eine Betroffene berichtet.

Jens Reichenbach

Symbolbild - © CC0 Pixabay
Symbolbild (© CC0 Pixabay)

Bielefeld. Mehr als 10.000 Menschen in Bielefeld pflegen einen Angehörigen oder Freund zu Hause. Sie sind eine große Stütze für die Familie, aber auch für das Pflegesystem, das ohne die selbstlosen privaten Helfer zusammenbrechen würde. Die Belastung für diese Pflegenden ist riesig, nicht selten sind Überlastung und Grenzüberschreitungen die Folge. Schätzungen gehen davon aus, dass 16 Prozent der Pflegebedürftigen deshalb Opfer psychischer Misshandlung, Vernachlässigung oder körperlicher Gewalt werden.

Die Bielefelderin Maria G. war immer eine liebende Ehefrau. Aber nach 10 Jahren Pflege ihres erkrankten Ehemannes wurde sie von Hassgefühlen und Aggressionen erfüllt - und von Scham darüber.

Gabriele Tammen-Parr ist Gründerin und Leiterin der Berliner Beratungs- und Beschwerdestelle "Pflege in Not". Sie gilt als Expertin im Umgang mit Angehörigen, die an ihre Grenzen stoßen: "Der emotionale Fächer, der bei Überlastung entstehen kann, öffnet sich oft sehr weit: Aggressionen, Zweifel, Mitleid, aber auch Hassgefühle."

"Am Ende war ich nur noch eine funktionierende Maschine"

Expertin: Gabriele Tammen-Parr, ist Leiterin der Beratungs- und Beschwerdestelle "Pflege in Not" in Berlin. Sie hilft bei Konflikt und Gewalt in der Pflege. - © MARCUS WITTE
Expertin: Gabriele Tammen-Parr, ist Leiterin der Beratungs- und Beschwerdestelle "Pflege in Not" in Berlin. Sie hilft bei Konflikt und Gewalt in der Pflege. (© MARCUS WITTE)

Maria G. (77) hat ihren schwer erkrankten Mann jahrelang alleine gepflegt. "Ich wollte alles für ihn ermöglichen. Ich wusste anfangs ja nicht, was mit der Pflege auf mich zukommt." Die Aufgabe, der sich die Bielefelderin nahezu alleine stellte, war zu groß. "Am Ende war ich nur noch eine funktionierende Maschine." Sie spricht leise von einem Zustand der Überforderung und Erschöpfung.

Sie reagierte gereizt, schimpfte oft, irgendwann kam eine Kurzschlussreaktion. An einem der Tage, als mal wieder alles schief ging, schnallte sie ihren Mann kurzerhand am Bett fest und verließ das Haus - über Stunden. Voller Scham über ihr Verhalten kehrte sie zurück.

32 Prozent der Befragten übten psychische Gewalt aus, zwölf Prozent körperliche

"Pflege hat auch ihre Grenzen", betont Tammen-Parr immer wieder. "Aggressionen und psychische Gewalt sind solche Grenzen." Nach zehn Jahren Allein-Pflege zog Maria G. deshalb die Konsequenz aus diesem Vorfall und gab ihren Mann doch noch ins Heim. "Ich hatte immer geschworen, dass ich ihm das nicht antun wollte."

Für das Ehepaar war es aber die Lösung der über Jahr aufgebauten Probleme. Tammen-Parr betont: "Es ist sehr wichtig, dass sich die Pflegenden nicht schämen für aggressive Gedanken und Handlungen. Das sind wichtige Gefühle, weil es ein Warnsignal ist." Oft seien solche Vorfälle der Auslöser, sich erstmals helfen zu lassen, sagt die Berliner Pflegeberaterin.

Eine Studie besagt, dass mehr als ein Drittel der privat Pflegenden in ähnlicher Weise unangemessenes Verhalten gezeigt haben. 32 Prozent der Befragten einer Studie des "Zentrums für Qualität in der Pflege" gaben zu, psychische Gewalt (Beschimpfungen, Erniedrigungen) gegen pflegebedürftige Person angewendet zu haben. Zwölf Prozent gaben zu, körperlich gewalttätig geworden zu sein (grobes Anfassen Schubsen, Schläge), elf Prozent sprachen von Vernachlässigung (Hilfe verweigert), sechs Prozent stuften ihr Verhalten als freiheitsentziehende Maßnahme ein - wie bei Maria G.. Gewalt in der Pflege ist alltäglich.

Ehekrisen und Familienkonflikte brechen mit der Pflege erneut aus

Laut Tammen-Parr führt ein Pflegefall in der Familie leicht zu einer "totalen Rollenveränderung". Eine bisherige Ehe auf Augenhöhe werde mit einem Mal zu einem extremen Abhängigen-Verhältnis: "Da verlieren beide etwas. Pflege verändert die Ehe total." Pflegende Kinder hätten oft noch ein zweites Familienleben. Für den Ehepartner seien aber oft alle Zukunftsplanungen völlig aufgelöst.

"Der eigentliche Zündstoff für Gewalt und Aggressionen ist aber die Beziehungsgeschichte", betont Tammen-Parr. "Eine rein pflegerische Überforderung ist selten das Problem. Wenn sie es kaum schafft, ihn die Dusche zu kriegen und dabei auch mal laut wird, ist alles gut, wenn sonst alles harmonisch ist."

Problematisch werde es, wenn Krisen aus der Ehe oder der Familie in diese Situation hineinbrechen: "Selbst ein Fremdgehen vor zig Jahren kann in so einem Verhältnis unheimlichen Groll aufkommen lassen." Auch alte Geschwisterkonflikte brächen oft mit der Pflege der Eltern erneut auf. "Familien sind oft nicht geübt, Probleme zu besprechen. Eltern sind auch nicht immer gerecht." Geld sei ein enormer Treiber bei Konflikten in der Familie.

Wesensveränderung löst auch Aggressionen gegen die Helfer aus

"Aggressionen in der Pflege sind auch keine Einbahnstraße", sagt Tammen-Parr. Speziell Demenz-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten würden durch ihre Krankheit oft Wesensveränderungen durchmachen, die große Probleme im gemeinsamen Umgang machen können. Das beginnt bei mangelnder Wertschätzung und Nörgelei gegen den Pflegenden, geht weiter mit Beleidigungen und Anschreien (45 Prozent betroffen) bis hin zu körperlichen Grobheiten und Schlägen (11 Prozent betroffen), heißt es in der Studie des "Zentrum für Qualität in der Pflege".

Tammen-Parr rät den Betroffenen: "Man darf ihnen Grenzen aufzeigen. Dabei ist eine klare Haltung wichtig: Laute Stimme und eine nach vorne abwehrende Handgeste." Wenn der Patient diese Zeichen kognitiv nicht mehr erfassen könne, dann sei es möglich, medikamentös einzugreifen.

"Den Schritt ins Heim nicht als Bankrotterklärung sehen"

Die Berliner Beraterin gibt immer einen wichtigen Hinweis: "Geben Sie nie ein absolutes Pflegeversprechen ab." Wenn Partner oder Eltern fordern: "Ich will zu Hause sterben", dann sollten die Verantwortlichen immer ergänzen: "Aber nur solange, es noch geht." Es sei wichtig, den Schritt der Heimeinweisung nicht als "persönliche Bankrotterklärung" zu sehen: "Eine Heimeinweisung muss ja nicht den Kontaktabbruch bedeuten." Die professionelle Pflege gebe den Angehörigen oft die Möglichkeit, die gemeinsame Zeit entspannter zu nutzen. Für Maria G. und ihren Mann war der Schritt ins Heim eine große Erleichterung - für beide.

Aber es gibt schon viel früher Hilfen, die privat Pflegende entlasten können. Schon ab dem ersten Pflegegrad stellt die Pflegekasse den Betroffenen 125 Euro im Monat für zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen zur Verfügung. Nach Angaben der Stadt wissen das aber viel zu wenige. Nur ein Bruchteil der Pflegenden ruft diese Leistung ab. Der nächste Schritt könnten teilstationäre Angebote sein, die sogenannte Tagespflege.

Großes Infonetzwerk in Bielefeld

Obwohl es in NRW nur zwei bis drei Beratungsstellen gibt, die wie "Pflege in Not" in Berlin auf Angehörige in der Krise spezialisiert sind, setzt man in der Stadt auf ein großes Beratungsnetzwerk.

Alle wichtigen Informationen zur Pflege, für Angehörige und zu Pflegeheimen finden sich auf der Pflege-Internetseite der Stadt Bielefeld.

Beratungsangebote für pflegende Angehörige, die mit Überforderung oder anderen Problemen zu kämpfen haben, können sich an das Kontaktbüro der Pflegeselbsthilfe an der Stapenhorststraße 5 wenden (Tel. 0521 - 96 406 70).

Bei akuten Krisen können auch die Mitarbeiter der Telefonseelsorge helfen: Tel. (08 00) 1 11 01 11.

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