Terror, Bombendrohungen und Co: So reagiert der Kreis Gütersloh auf Bedrohungen

In Herford wird der freie Zugang zum Rathaus ab sofort massiv eingeschränkt, nachdem eine Bombendrohung Anfang der Woche zur Räumung geführt hatte. Auch bei der Planung für das neue Kreishaus in Gütersloh war die Sicherheitslage ein wichtiges Thema.

Nicole Hille-Priebe

Die Messerattacke eines psychisch kranken Kreishausbesuchers hat in Gütersloh 2017 schlagartig bewusst gemacht, wie riskant Beratungsgespräche in fern abgelegenen Einzelbüros sind. Abschotten will man sich in Rat- und Kreishaus trotzdem nicht. - © Andreas Frücht/ Patrick Menzel
Die Messerattacke eines psychisch kranken Kreishausbesuchers hat in Gütersloh 2017 schlagartig bewusst gemacht, wie riskant Beratungsgespräche in fern abgelegenen Einzelbüros sind. Abschotten will man sich in Rat- und Kreishaus trotzdem nicht. (© Andreas Frücht/ Patrick Menzel)
Kreis Gütersloh. In Herford sieht sich Bürgermeister Tim Kähler angesichts wiederholter und teils massiver Angriffe auf städtische Mitarbeiter gezwungen, drastische Konsequenzen zu ziehen. Nach der jüngsten anonymen Bombendrohung, die am Montag zur Räumung des Rathauses führte, müssen die Bürger ab sofort Abschied nehmen vom offenen Rathaus: Der freie Zugang wird stark eingeschränkt, Gespräche mit Sachbearbeitern soll es in Zukunft nur noch mit Terminvergabe geben. Außerdem gibt es Überlegungen zu baulichen Veränderungen bis hin zu Kontrollschleusen am Eingang.

In Steinhagen wurde ein Sicherheitsdienst beauftragt

Die Sicherheit im öffentlichen Raum ist auch im Kreis Gütersloh immer wieder ein brisantes Thema. So hielt ein Asylbewerber in Steinhagen die Polizei, Mitarbeiter der Ausländerbehörde und andere Amtsträger Ende vergangenen Jahres durch sein aggressives Verhalten in Atem. Die Gemeindeverwaltung beauftragte daraufhin zum Schutz der Mitarbeiter einen Sicherheitsdienst.

Auch im Kreishaus kennt man Probleme mit randalierenden Kunden. Zuletzt öffentlich geworden war das aggressive Verhalten eines jungen Mannes aus Afghanistan, das im vergangenen Sommer für einen Polizeieinsatz sorgte. Zuvor hatte sich der 20-Jährige geweigert, das Gebäude zu verlassen. Trotz Hausverbots hielt er sich im Treppenhaus des Foyers auf, schrie die Mitarbeiter an und versuchte anschließend, die Polizeibeamten zu schlagen und zu beißen.

Besonders tief eingebrannt hat sich bei den Mitarbeitern jedoch die Messerattacke auf zwei Kollegen im März 2017. „Die Gesellschaft hat sich verändert. Angesichts dieser Übergriffe war die Sicherheitslage natürlich ein wichtiges Thema bei der Planung der Erweiterung des Kreishauses", erklärt Fred Kupczyk, Leiter des Gütersloher Jobcenters. Zumal in der künftigen Zentrale infolge der Zusammenlegung der fünf jetzt noch über das Stadtgebiet verteilten Jobcenter mit deutlich mehr Publikumsverkehr gerechnet wird – etwa 500 Besucher werden dann täglich erwartet.

„Wir setzen auf ein neues Konzept der Publikumssteuerung: ungestört, individuell und ohne lange Wartezeiten", sagt Kupczyk. „So offen wie möglich und so abgeschirmt wie nötig – wir brauchen beides", bringt es der Jobcenter-Leiter auf den Punkt. „Nach der Messerattacke hat Landrat Sven-Georg Adenauer ganz bewusst entschieden: Wir bleiben ein offenes Haus!", betont Kupczyk. Dafür soll vor allem das neue Raumkonzept sorgen, das die Besucherströme kanalisiert und das Gebäude in eine Empfangs-, Beratungs- und Begegnungszone (Frontoffice) sowie für die Kunden unzugänglichen Mitarbeiterbüros (Backoffice) teilt. Beratungsgespräche in abgelegenen Einzelbüros wird es dann nicht mehr geben.

Kompetente Unterstützung

Um die Gratwanderung zwischen Offenheit und Sicherheit optimal meistern zu können, hat sich der Kreis im Vorfeld Unterstützung bei der Berliner Beratungsmanufaktur „gfa public" gesucht. „Obwohl wir einen Großteil der deutschen Jobcenter beraten, war das Gütersloher Kreishaus wegen des geplanten Neubaus ein Ausnahmeprojekt", erklärt gfa-Mitarbeiter Daniel Vogt.

„Die Zeiten, in denen es in Behörden einen langen Gang mit Türen rechts und links gab, sind vorbei. Die Mitarbeiter sollen sich im öffentlichen Raum auch offen bewegen – sich hinter verschlossenen Türen zu verstecken, passt einfach nicht zu einer demokratischen, offenen Gesellschaft."

Auf der anderen Seite seien aber auch die Sicherheitsaspekte wichtiger geworden, sagt Vogt. „Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt – aber auch dieses Problem kann man über transparente Räume auffangen. Bei dem Konzept geht es auch um eine Haltungsfrage: Wie wollen wir leben?" Umso wichtiger sei ein reibungsloser Ablauf in den Wartezonen – „damit Angst und Aggression nicht stundenlang steigen, sondern man sich vielleicht sogar freut, einen Termin zu haben und gut beraten zu werden".

Mitarbeiter sollen die Besucher vorne abholen und sie in eines der 26 reservierbaren Beratungsbüros begleiten. „So wird die persönliche Begrüßung bereits zur Wertschätzung. Wir haben viel über Wachdienste und Schleusen diskutiert, die wollte das Gütersloher Jobcenter aber nicht haben – denn die Kunden sollen nicht kriminalisiert werden", erklärt der Berliner Behördenberater.

Stadt Gütersloh testet Notfall-Alarmierung

Auch im Gütersloher Rathaus geht man andere Wege als in Herford. Anlass zur Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen sieht man hier offenbar nicht: „Die Stadt unternimmt viel, um die städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor eskalierenden Situationen zu schützen. Die Sicherheitsanforderungen werden regelmäßig überprüft. Aktuell befindet sich eine Notfall-Alarmierung für mobile Arbeitskräfte in der Erprobung. Dabei geht es um die Möglichkeit, bei Außenterminen oder bei Kontrollgängen – beispielsweise in der Parkraumüberwachung – in Notfallsituationen umgehend eine Alarmierung mit Georeferenzierung abzusetzen. Zu den Öffnungszeiten der Stadtverwaltung sind täglich Sicherheitskräfte im Rathaus anwesend", heißt es in einer Stellungnahme der Stadt.

Besonderer Wert werde zudem auf Deeskalation gelegt. „Die Stadt bietet ihren Mitarbeitern dazu regelmäßig Veranstaltungen an. Eine Handlungshilfe zum Thema Gewaltprävention soll ebenfalls eine Unterstützung bieten und den sinnvollen Umgang in einer solchen Situation vermitteln. Grundsätzlich gilt eine Null-Toleranz-Grenze bei verbalen Übergriffen und Beleidigungen gegenüber Mitarbeitenden – diese werden konsequent zur Anzeige gebracht."

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