Wie hat sich die Psychiatrie im Laufe der Zeit verändert?

Interview: Wie hat sich die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten verändert? Diese Frage diskutiert Carl Schreiner in der Aula der Bernhard-Salzmann-Klinik. Jeanette Salzmann sprach vorab mit ihm über das Thema

Jeanette Salzmann

Volkskrankheit Depression: „Aktuelle, gesellschaftliche Anforderungen mit ihren komplexen Themen tragen dazu bei". - © CCO Pixabay
Volkskrankheit Depression: „Aktuelle, gesellschaftliche Anforderungen mit ihren komplexen Themen tragen dazu bei". (© CCO Pixabay)

Herr Schreiner, der Volksmund hat die LWL-Klinik Gütersloh gerne als „Klapse" bezeichnet. Ein Schimpfwort. Begegnet Ihnen das immer noch?

Schreiner: Nur noch in Ausnahmefällen. Es deutet auch auf eine tiefe Unkenntnis über die heutige moderne Psychiatrie hin. In der Akzeptanz unserer Behandlung hat sich in den vergangenen 30 Jahren viel getan. Allerdings muss an der Stigmatisierung psychisch kranker Personen weiter gearbeitet werden.

Die Depression ist inzwischen eine Volkskrankheit und verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Tendenz steigend. Müssen Staat und Krankenkassen nicht mehr darauf pochen, dass Ursachen bekämpft werden?

Schreiner: Sicherlich, aber die Ursachen sind vielfältiger Natur, es gibt nicht eine Ursache für die Entwicklung von depressiven Störungen. Neben biologischen Aspekten spielt die Entwicklung und Lebensgeschichte des einzelnen Patienten eine große Rolle, sowie die aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen mit ihren komplexen Themen der Arbeitswelt, der Zeitverdichtung, der Veränderung der familiären Strukturen, den neuen digitalen Medien.

Welche Auswirkungen hat denn die moderne Arbeitswelt auf unsere seelische Gesundheit in den vergangenen Jahren genommen?

Schreiner: Aufgrund zahlreicher Untersuchungen – auch international – konnte festgestellt werden, dass Arbeitsplatzbedingungen, die je nach ihrer Gestaltung psychische Risikofaktoren (wie etwa bei einer Anforderungs-Kontroll-Krise) aufweisen, mit hoher Wahrscheinlichkeit psycho-somatische Belastungen verursachen, die in einem zweiten Schritt zu manifesten Erkrankungen führen können. Auch gilt, dass es keine monokausalen Zusammenhänge gibt. Immer spielt auch die persönliche Geschichte des Betreffenden eine wesentliche Rolle.

Carl Schreiner: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberarzt der LWL-Klinik für psychosomatische Medizin. - © LWL-Klinikum
Carl Schreiner: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberarzt der LWL-Klinik für psychosomatische Medizin. (© LWL-Klinikum)

Die Familienstrukturen haben sich in den vergangenen 50 Jahren gewaltig verändert. Können wir auch hier von Auswirkungen auf unser Seelenheil ausgehen?

Schreiner: Ja. Instabile Beziehungserfahrungen in der Familie, zeitlich und räumlich nicht zur Verfügung stehende Mütter und Väter in der Kindheit- und Jugendentwicklung einer Person und mangelnde Verlässlichkeiten durch sich wiederholt verändernde Familienstrukturen stellen Risikofaktoren für eine spätere psychische Belastung im Erwachsenenalter dar. Hierzu liegen umfangreiche epidemiologische Studien vor.

Schwere Kindheiten sind aber nicht neu. Wie blicken Sie auf die teils traumatisierte Kriegsgeneration, die nahezu ohne therapeutische Hilfe durchs Leben kommen musste?

Schreiner: Viele der traumatisierten Kriegsgeneration haben erst im höheren Lebensalter über ihre Kriegstraumatisierungen sprechen können. Erst verspätet wandte man sich dem Thema zu. Differenzierte Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie, die durch den Vietnamkrieg gewonnen werden, halfen im Verständnis der Kriegsgeneration. Aufgrund von Resilienzfaktoren war es einem Teil der Kriegsgeneration möglich, das Leben zu meistern, einem anderen Teil jedoch nicht, der psychische Störungen aufweist. Zu erwähnen in dieser Thematik, ist das Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumata und Holocausttraumata.

Oft helfen nur noch Psychopharmaka. Sie stehen jedoch in der Kritik, weil ihre Wirkung in Frage gestellt wird.

Schreiner: Psychopharmaka haben in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eine bedeutende und heute nicht mehr wegzudenkende Funktion. Es bedarf jedoch einer klaren Indikation und eines differenzierten Umgangs. Nicht jede psychische Störung benötigt unbedingt eine medikamentöse Behandlung, so können mittelgradige depressive Störungen auch allein durch eine Psychotherapie behandelt werden. Wir wissen inzwischen, dass bei diesem Beispiel eine Psychotherapie längerfristig effektiver ist als eine alleinige pharmakologische Behandlung. Kritisch zu sehen ist sicherlich die hohe Verschreibung von Ritalin bei ADHS-Störungen.

Die Patienten in der Psychiatrie werden nachweislich immer jünger. Bereitet Ihnen das Kopfzerbrechen?

Schreiner: Ich bin nicht in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Dennoch: Persönlich bereitet mir dies Kopfzerbrechen.

Es heißt ja, „in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist" – gilt der alte Spruch aus Ihrer Sicht heute immer noch?

Carl Schreiner: Absolut! Gerade Erkenntnisse und Studien aus der Psychoimmunologie können dies belegen. Auf den Philosophen Platon geht der Satz zurück: „Willst Du den Körper heilen, musst Du zuerst die Seele heilen."

Copyright © Haller Kreisblatt 2019
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.