Der Schwung geht verloren: Zu Besuch bei den Keglern vom RSK Versmold

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120 Würfe, keine Pumpe: Marianne Kampwerth weiß, worauf es beim Kegeln ankommt. Sie macht den Sport seit fast 40 Jahren und will ihm treu bleiben, bis ihr Verein sich auflöst. Sie engagiert sich Jugendwartin sowie als Vorsitzende des Versmolder CDU-Stadtverbandes in der Lokalpolitik. - © Florian Gontek
120 Würfe, keine Pumpe: Marianne Kampwerth weiß, worauf es beim Kegeln ankommt. Sie macht den Sport seit fast 40 Jahren und will ihm treu bleiben, bis ihr Verein sich auflöst. Sie engagiert sich Jugendwartin sowie als Vorsitzende des Versmolder CDU-Stadtverbandes in der Lokalpolitik. (© Florian Gontek)

Versmold-Peckeloh . Die Schilder weisen den Weg. Schon auf dem Parkplatz der Gaststätte Schneider-Eggert, direkt an der Seenplatte Peckelohs, sind das Bild eines dynamischen Keglers und das Kürzel DKB, das für den Deutschen Kegler- und Bowlingbund steht, zu erkennen: Hier werden noch Kugeln geschoben.

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Das ist das Sportkegeln

Sportkegler legen Wert auf die Unterscheidung vom Freizeitkegeln, bei dem Spaß und Geselligkeit im Vordergrund stehen. Sportkegeln wird sowohl als Einzel- als auch als Mannschaftssport betrieben. Es gibt verschiedene Disziplinen, die sich aus den Verschiedenheiten der Kegelbahnen ergeben. Die Versmolder Kegler spielen auf sogenannten Schere-Bahnen. Im Wettbewerb wird über die Distanz von 120 Kugeln gespielt. Jeweils 60 Würfe sind im Spielmodus »Volle« und »Abräumen« zu machen. Neben den Punktspielen der Mannschaften in den Ligen stehen Bezirks-, Landes- und deutsche Meisterschaften im Wettkampfkalender.


In der Gaststätte geht Dieter Renner (57) auf die Kegelbahn. Der Schweiß steht auf seiner Stirn; 120 Würfe pro Training, jeden Mittwoch, »Abräumen« und »In die Vollen«. Von einer ruhigen Kugel kann da nicht die Rede sein. Renner, bei Reinert beschäftigt, nippt an einem Glas Apfelschorle und möchte über seinen Sport sprechen. Einen Sport, der ihn seit seiner Jugendzeit fesselt, obwohl ihn immer mehr Menschen loslassen.

„Heute bekommen wir mit Müh und Not zwölf Spieler zusammen"

„Nun ja, wie soll ich anfangen?", fragt Renner und überlegt kurz, bevor er fortsetzt: „Wir werden immer weniger." Renner erzählt davon, wie er anfing, 1974 in der siebten Mannschaft der RSK Oesterweg, der Ravensberger Sportkegler. Jede Mannschaft brauchte damals noch sechs Spieler, Reservisten noch dazu, an die 50 Mann hatten die RSK also. Heute sind es in den unteren Ligen nur noch vier Akteure pro Mannschaft. Und dennoch, sagt Renner, „bekommen wir nur mit Müh und Not zwölf Spieler für drei Mannschaften zusammen". Der Altersschnitt bei den Frauen und Männern, die die Kugeln für die heutigen RSK Versmold auf die Bahnen schieben, liegt aktuell jenseits der 50.

Das, was Renner schildert, bestätigt sich beim Blick auf die aktuellen Zahlen zum Kegelsport in Deutschland. Nur noch ein Prozent der Deutschen erklärte jüngst in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, dass sie „mindestens einmal pro Woche" zum Kegeln gehen. 71 Prozent der befragten Bundesbürger gaben an, „niemals" zu kegeln. Der DKB, gegründet 1885 und damit 15 Jahre vor dem Deutschen Fußball-Bund, berichtete jüngst von aktuell 80.000 bundesweit aktiven Keglern. In den 80er-Jahren waren es noch fast 200.000. Kegeln, im Nachkriegsdeutschland einst ein Kulturgut wie Schützenverein und Schrebergarten, stirbt offenkundig aus.

Im Altkreis Halle haben gerade die Kegler der KSG Werther angekündigt, dass sie bei aktuell nur noch 43 Mitgliedern womöglich bald den Ligenspielbetrieb einstellen müssen. Käme es so, würde im Altkreis nur noch in Versmold in der Liga gespielt.

Marianne Kampwerth (65) schmerzt das. Sie kegelte zunächst hobbymäßig, ehe sie Anfang der 80er-Jahre zu den RSK stieß. Es waren die Boom-Jahre des Sports. „Eine Trendsportart mit schwierigem Image", sagt sie und lächelt. Kneipensport. Klar, früher wurde auch mal einer getrunken, sagt Kampwerth. Früher mehr als heute, die großen Feste auf der Kegelbahn sind Vergangenheit. „Wir hatten damals um die 130 Mitglieder", erzählt sie, „heute sind es, inklusive Jugendabteilung, noch 30."

Kampwerth muss es wissen, ist sie es doch, die sich als Jugendwartin um den Nachwuchs des Versmolder Vereins kümmert. Acht Mitglieder hat ihre Jugendgruppe derzeit, allesamt zwischen neun und 17 Jahre alt. Eine Liga gibt es nicht. Dafür Ranking-Spiele, die der Verband, wie bei den Erwachsenen auf ganz Westfalen ausgeweitet hat. Damit gehen die Auswärtsfahrten nicht wie früher nur bis nach Oelde, sondern auch mal bis nach Wanne-Eickel.

„Wenn es unseren Verein nicht mehr gibt, dann hören wir auf"

Heimische Talente der Extraklasse, wie die Oesterwegerin Mona Fenske, die es einst in den deutschen Nationalkader schaffte, sind rar: „Wenn die weiterführende Schule oder die Ausbildung beginnt, dann wird es heute einfach schwierig", sagt Kampwerth. Die Wertheranerin Jana Mechsner, die 2015 im Einzelwettbewerb bis 18 Jahre deutsche Vizemeisterin wurde und gerade mit der KV Gütersloh-Rheda die Westfalenliga gewonnen hat, ist die Ausnahme.

Damen und Herren trainieren gemeinsam: Christa Diekmann (von links), Sabrina Seggelmann, Dieter Renner, Ramona Pomberg und Marianne Kampwerth haben immer mittwochs ab 16.30 Uhr ihre gemeinsame Trainingszeit. - © Florian Gontek
Damen und Herren trainieren gemeinsam: Christa Diekmann (von links), Sabrina Seggelmann, Dieter Renner, Ramona Pomberg und Marianne Kampwerth haben immer mittwochs ab 16.30 Uhr ihre gemeinsame Trainingszeit. (© Florian Gontek)

Den großen Knick für ihre Sportart verorten Marianne Kampwerth und Dieter Renner an unterschiedlichen Stellen. Kampwerth sieht ihn zwischen 2004 und 2005, Renner schon Ende der 90er-Jahre. „Da ging es rapide bergab", erinnert er sich. Heike Eggert, Inhaberin der Gaststätte Schneider-Eggert, der Keglerheimat der RSK Versmold, kann diesen Knick dagegen nicht erkennen. „Wir haben unser Stammpublikum, wir können uns nicht beklagen", sagt sie. Neben den RSK trainieren die Sportkegler aus Füchtorf und Sassenberg auf sechs vollautomatischen Bundeskegelbahnen, die auch für Weihnachtsfeiern und Geburtstagsfeiern noch gut gebucht würden. „Unsere Bahnen sind gepflegt, das ist das A und O", sagt Eggert. Wöchentlich werden sie gebohnert, regelmäßig vom Verband abgenommen.

Dass rundum Kegelbahnen schließen und sich Vereine auflösen, hat aber auch die Gastwirtin vernommen. So bestätigt Murat Kartal, Inhaber des Bielefelder Kegelcenters Elpke, dass er sein Kegelcenter, das zu den größten im westdeutschen Raum zählt, zum 30. Juni dieses Jahres schließen wird.

Aufhören mit Kegeln? Dieter Renner und Marianne Kampwerth sagen, dieser Gedanke sei ihnen noch nie gekommen. Gern denken sie an frühere Zeiten zurück, lieben vor allem die Dynamik des Sports, der eigentlich ein Einzelsport sei und doch von seiner Geselligkeit lebe. Ideen zu finden, wie der Kegelsport aus der zunehmenden Bedeutungslosigkeit zu führen sein könnte, fällt beiden aber schwer. „Vor 20 Jahren wäre das vielleicht noch gegangen", sagen sie, „aber heute?"

Beide bleiben ihrem Sport treu, da sind sie sich einig. „Wobei", schränken sie ein, „wenn es unseren Verein nicht mehr gibt, dann hören wir auf."

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