EGW-Schulleiterin im Interview: „95 Prozent des Geschäfts sind Kommunikation“

Detlef Hans Serowy

Barbara Erdmeier. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Barbara Erdmeier. (© Foto: Detlef Hans Serowy)

Werther. Nach elf Jahren als Direktorin des Evangelischen Gymnasiums Werther ist Barbara Erdmeier mit Ablauf des Schuljahres 2016/2017 in den Ruhestand gegangen. Die 64-jährige Ehefrau und vierfache Mutter und Großmutter lebt in Bielefeld. Im Gespräch mit dem Haller Kreisblatt blickt sie auf ihre Amtszeit zurück.

Frau Erdmeier, war Lehrerin Ihr Traumberuf?

Barbara Erdmeier: Es war mein Traumberuf. Ich wäre auch gern Kinderärztin geworden, das konnten sich meine Eltern aber nicht vorstellen. Zuerst habe ich auf Grundschul- und dann auf Gymnasiallehramt studiert. Germanistik, Erziehungswissenschaft, Philosophie und Theologie.

Wie war Ihr Werdegang?

Erdmeier: Das Wesergymnasium in Vlotho sollte nach dem Referendariat 1979 nur eine Zwischenstation sein. Daraus wurden aber 27 Jahre. Ich konnte mich stark einbringen, habe an didaktischen Konzeptionen mitgewirkt und stieg zur Studiendirektorin auf. Das war eine gute Zeit.

Warum kamen Sie zum EGW?

Erdmeier: Ab 2005 habe ich mich in Richtung Schulleitung orientiert. Ich las die Stellenanzeige des EGW in der Zeit, habe mich informiert, beworben und wurde 2006 genommen.

Wie war damals die Situation der Schule?

Erdmeier: Es war eine gut aufgestellte Schule, noch etwas kleiner, als sie heute ist. Es gab viele Möglichkeiten, in der Unterrichtsentwicklung tätig zu werden und das war immer mein Ziel. Es gab das neue Schulgesetz mit dem Schwerpunkt individuelle Förderung und das entsprach meinen pädagogischen Vorstellungen.

Was war beim Start die größte Herausforderung?

Erdmeier: G8 lief an, der Doppeljahrgang hatte gerade begonnen und wir mussten ihn führen. Es mussten neue Lehrpläne und Konzepte entwickelt werden.

Wie hat sich die Schule seither entwickelt?

Erdmeier: Ich bin damit sehr zufrieden. Die Schülerzahlen sind stabil und das ist für uns sehr wichtig, weil wir uns zu einem kleinen Teil selbst finanzieren müssen.

Was sind aus Ihrer Sicht die Meilensteine?

Erdmeier: Wir haben 2009/2010 den Anbau gestemmt und versucht, im digitalen Bereich weiterzukommen. Das ist trotz großer Anstrengungen des Schulträgers aber noch nicht zufriedenstellend. Es gab viele Projekte in der individuellen Förderung und Investitionen in die Lehrerfortbildung. 2007 wurde die Schulsozialarbeit eingeführt und sie ist nicht mehr wegzudenken. Wir haben die internationalen Kontakte gestärkt. Das EGW konnte sich als Netzwerkschule etablieren, wir arbeiten da mit anderen Schulen an neuen Unterrichtsmodellen.

Was war Ihnen besonders wichtig?

Erdmeier: Mit allen möglichen Gruppen Vernetzungen herzustellen. Wir sind mit dem öffentlichen Schulsystem und innerhalb der evangelischen Schulen vernetzt. Wir arbeiten mit vielen Beratungsinstitutionen und Firmen zusammen.

Was hat Ihnen den meisten Kummer bereitet?

Erdmeier: Dass ich sicherlich nicht allen immer gerecht werden konnte. Das kann natürlich niemand. Aber gelegentlich Menschen bis an ihre Grenzen belasten zu müssen, das macht mir schon Kummer. Es dauert auch manchmal sehr lange, Einstellungen zu ändern. Wenn man bestimmte pädagogische Vorstellungen an Schüler, Eltern oder Kollegen weitergeben möchte, ist das nicht einfach.

Woran hatten Sie die größte Freude ?

Erdmeier: Am Unterricht, den ich immer noch geben konnte, am direkten Umgang mit den Menschen insgesamt. Ich vertrete die These, dass 95 Prozent des Geschäfts hier Kommunikation sind.

Worauf sind Sie stolz?

Erdmeier: Ich bin auf die Entwicklung der Schule stolz und glaube, dass sie einen guten pädagogischen Standard hat.

Wie ist die Schule ihrer Meinung nach heute aufgestellt?

Erdmeier: Ich denke, dass sie sich von einer guten Basis aus weiterentwickeln kann und eine gute Zukunft hat.

Was hätten sie gern persönlich noch angepackt?

Erdmeier: Mich reizt schon die Digitalisierung. Ich bin sehr froh, dass das Konzept »Gute Schule 2020« auch für uns als Ersatzschule gilt und wir mit den Zuschüssen das EGW in den nächsten vier Jahren digital werden nachrüsten und besser aufstellen können.

Was ist die größte Herausforderung für Ihren Nachfolger Christian Kleist ?

Erdmeier: Die Digitalisierung wird schon eine große Herausforderung sein. Wir haben hier drei unterschiedlich alte Gebäudeteile und wollen sie auf den gleichen Stand bringen und ein System etablieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Gymnasiums als Schulform?

Erdmeier: Das ist mit Sicherheit eine gewünschte, weiterhin hochwillkommene und sehr anerkannte Schulform. Vor allem, weil sich das Gymnasium in den 40 Jahren, die ich jetzt überblicke, massiv verändert hat. Die früheren Vorurteile in Richtung Eliteeinrichtung ohne individuelle Förderung bestehen mit Sicherheit nicht mehr.

Wie würden Sie Ihre Amtszeit in einem Satz zusammenfassen?

Erdmeier: Es war eine aufregende, anregende und anstrengende Zeit, die ich aber nicht missen möchte.

Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?

Erdmeier: Der fällt mir schon schwer.

Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Erdmeier: Ich freue mich auf die freie Zeit, die jetzt kommt.

Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

Erdmeier: Mein Mann ist im Mai in Pension gegangen, wir wollen Reisen unternehmen. Es gibt auch verschiedene Anfragen, vielleicht betreiben wir ein Literaturcafé. Außerdem habe ich gerade eine Hospizausbildung abgeschlossen und werde in die Hospizarbeit einsteigen. Vielleicht engagiere ich mich auch im Bereich Lerncoaching.

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