Die Gefahr des ständigen Online-Seins

»Ich poste, also bin ich«

Anja Hanneforth

Zusammen und doch getrennt: Wenn sich Smartphone-Besitzer treffen, kommuniziert oft jeder für sich in seinem Netzwerk. Die Angst, etwas zu verpassen, treibt sechs Prozent aller Jugendlichen in die Online-Sucht. - © Foto: Tijana - Fotolia
Zusammen und doch getrennt: Wenn sich Smartphone-Besitzer treffen, kommuniziert oft jeder für sich in seinem Netzwerk. Die Angst, etwas zu verpassen, treibt sechs Prozent aller Jugendlichen in die Online-Sucht. (© Foto: Tijana - Fotolia)

Werther. Jeder hat diese Situation schon einmal beobachtet: In einem Café sitzen sich mehrere junge Leute gegenüber. Niemand von ihnen spricht, alle starren gebannt auf ihre Smartphones. Womöglich kommunizieren sie auf diese Weise miteinander, wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie jeder für sich auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken unterwegs sind, Nachrichten schreiben, Bilder verschicken. – »Ich poste, also bin ich« lautete der Titel, des Vortrags von Heiko Kaiser im Haus Tiefenstraße. Anhand zahlreicher Beispiele erläuterte der Online-Redakteur des Haller Kreisblatts die Vorteile, aber auch die Gefahren, die von sozialen Medien ausgehen.

Viele Vorteile, viele Nachteile: Heiko Kaiser, Online-Redakteur beim Haller Kreisblatt (links), referierte auf Einladung von Rolf Düfelmeyer am Montag beim Kamingespräch über das Thema soziale Medien. - © Foto: Anja Hanneforth
Viele Vorteile, viele Nachteile: Heiko Kaiser, Online-Redakteur beim Haller Kreisblatt (links), referierte auf Einladung von Rolf Düfelmeyer am Montag beim Kamingespräch über das Thema soziale Medien. (© Foto: Anja Hanneforth)

Bevor er in seinen Vortrag einstieg, wollte er von den 30 Besuchern wissen, wie viele von ihnen selbst in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Die wenigsten, wie sich zeigte. Dennoch kannten sie sich gut aus, weshalb sie auch ihren Sorgen Ausdruck verliehen, was den übermäßigen Umgang mit Facebook, Twitter und Co. angeht – gerade bei ihren Enkeln.

Natürlich, daran ließ Heiko Kaiser keinen Zweifel, hätten soziale Medien ihre Vorteile. Menschen könnten so auf direktem Weg miteinander kommunizieren, sich informieren, Nachrichten austauschen, miteinander in Kontakt zu treten. Alles passiere sofort und unmittelbar. Da werde die Suchmeldung nach dem vermissten Hund gepostet, die neue Beziehung verkündet, gefragt, welcher Friseur am Ort zu empfehlen sei – eben alles, was von Interesse sein könnte – oder auch nicht.

Info

Keine Fahrt zur Synagoge

• Änderung beim Kamingespräch: Die für den 6. März geplante Exkursion zur neuen Synagoge nach Herford muss ausfallen. Wie Rolf Düfelmeyer erklärte, habe die Gemeinde zunächst zugesagt, nun aber kurzfristig wieder abgesagt. Sie wolle nicht, zitierte er, dass die Synagoge zu einem „Museum für Besucher" werde. Aus diesem Grund wird Düfelmeyer selbst an diesem Montag die Referentenrolle übernehmen und einen Vortrag über das Judentum halten. Beginn ist im Haus Tiefenstraße zur gewohnten Zeit um 15 Uhr.

»Ich bin jetzt aufgestanden« lesen die Freude dann, oder »Ich gehe jetzt zum Frühstück«. Die Besucher im Haus Tiefenstraße lachten, aber natürlich, sagte Heiko Kaiser, lauerten hier Gefahren: „Man sollte nur etwas ins Netz stellen, was man auch jedem Fremden auf der Straße zeigen würde." Noch genauer sollte man überlegen, ob man ein Foto postet, das einen nach einer durchzechten Nacht zeigt. Denn nach einer Umfrage informieren sich inzwischen die Hälfte der Personalverantwortlichen in sozialen Netzwerken über ihre Stellenbewerber.

Zwei Milliarden Menschen, berichtete Kaiser, seien heute bei Facebook angemeldet, eine Milliarde bei Whatsapp. Jeder fünfte Deutsche nutze soziale Medien, durchschnittlich verbringen Computer- und Smartphonsbesitzer 20 Stunden im Monat in sozialen Netzwerken. Dabei gelten die Deutschen noch als Social-Media-Muffel. In einer Rangliste von 40 Ländern belegt Deutschland den letzten Platz.

Sechs Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen gelten als onlinesüchtig

„Wenn das stimmt, muss man sich fragen, wie viel schlimmer es noch werden kann", machte der Redakteur keinen Hehl daraus, dass er viele Entwicklungen für bedenklich hält. Er nannte ein Beispiel aus den USA, wo knapp 40 Prozent aller Kinder unter zwei Jahren schon mit Smartphones oder Tablets vertröstet würden. „Weil es so viel einfacher ist, als sich mit ihnen zu beschäftigen."

Zurückdrehen ließe sich das Rad wohl kaum. Für junge Leute gehörten soziale Medien heute einfach dazu. Online-Sein sei für sie Pflicht, dennoch hätten sie ständig das Gefühl, etwas zu verpassen, beschrieb Kaiser. Sie könnten ihre Smartphones kaum aus der Hand legen, die Handys seien ihre ständigen Begleiter, abends lägen sie auf dem Nachttisch. »Ich kann nicht schlafen« werde dann gepostet.

Die Folgen seien erschreckend und nähmen stetig zu: Schon junge Kinder litten an Schlaf- und Konzentrationsstörungen, innerer Unruhe. Fast jedes fünfte Kind im Grundschulalter beschäftige sich heute eine Stunde oder mehr am Tag mit dem Smartphone. Sechs Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen gelten sogar als onlinesüchtig, beschrieb Kaiser, im zweiten Beruf Heilpraktiker und selbst Vater zweier Kinder.

Auch ein Grund, warum ihm das Thema soziale Medien und der richtige Umgang damit so am Herzen liegt. „Versuchen Sie mal, als Elternteil gegen den ständigen Handy-Konsum Ihrer Kinder anzureden. Das erfordert schon eine Menge Standhaftigkeit." Genau das sei seiner Ansicht nach aber erforderlich. Den Kindern zu vermitteln, was es bedeutet, sich ausschließlich über das Internet zu informieren, Falschmeldungen aufzusitzen, böse Dinge über andere Personen zu verbreiten. Denn Beleidigungen und Drohungen seien im Netz längst an der Tagesordnung. „Und die Politik scheint einem Datenmonster wie Facebook hilflos ausgeliefert zu sein."

Am Ende zog Heiko Kaiser ein Fazit: „Soziale Medien sind nicht gut oder schlecht. Sie spalten und vereinen, sie schaden und sie helfen, sie verbreiten Hass und Wohlwollen – sie tun immer nur genau das, was wir mit ihnen machen."

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