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45 minderjährige Flüchtlinge leben in der Obhut des CJD

Teenager eint die Sehnsucht nach zu Hause

Silke Derkum

Volles Haus: Das Versmolder CJD-Internat ist derzeit wirklich gut belegt. Fachbereichsleiter Klaus-Peter Brell und seine Kollegen betreuen hier deutsche Jugendliche und junge Flüchtlinge. - © Silke Derkum, HK
Volles Haus: Das Versmolder CJD-Internat ist derzeit wirklich gut belegt. Fachbereichsleiter Klaus-Peter Brell und seine Kollegen betreuen hier deutsche Jugendliche und junge Flüchtlinge. (© Silke Derkum, HK)

Versmold. Sie haben bereits viel gesehen, eine ganze Menge erlebt und
auf ganz besondere Art ihre Selbstständigkeit unter Beweis gestellt.
Trotzdem sind die 45 Jugendlichen, die im Jugenddorf in Versmold leben,
junge Menschen, die in vielen Dingen genau wie ihre deutschen
Altersgenossen ticken.

„Eigentlich ist die Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ganz klassische Jugendhilfe", sagt Anika Schüler, pädagogische Leiterin des Internats, „wir bieten den Jugendlichen einen sicheren Ort, an dem sie Beziehungen aufbauen können."

Doch anders als bei den übrigen 30 Internatsbewohnern, die über die klassische Jugendhilfe nach Versmold gekommen sind, gibt es bei den Flüchtlingen noch ganz andere Aufgaben, die die CJD-Mitarbeiter zu bewältigen haben.

„Nach der Ankunft bekommen sie zunächst ein Zimmer und etwas zu essen", sagt Anika Schüler. „Die meisten haben nur eine Plastiktüte dabei, dann kaufen wir erstmal alles Notwendige ein." Die Mitbewohner, die schon ein bisschen länger in Deutschland sind, helfen – wenn nötig und möglich – bei der Übersetzung. „Wenn es um Dinge geht, bei denen Rechtssicherheit gewährleistet sein muss, greifen wir auf offizielle Dolmetscher zurück", erklärt Klaus-Peter Brell, Fachbereichsleiter Kinder-, Jugend-, Familienhilfe des CJD Versmold.

Viele Daten entsprechen nicht der Realität

In den folgenden Wochen geht es dann darum, Vertrauen aufzubauen und etwas über die Geschichte des neuen Schützlings zu erfahren. „Wenn wir die Namen wissen, dann wissen wir schon viel", verdeutlicht Anika Schüler dabei die Ausgangssituation. „Viele Daten, die wir am Anfang bekommen, entsprechen nicht der Realität", sagt sie. „Die Fluchthelfer haben ihnen genau eingeimpft, was sie zu sagen haben." Oft dauert es deshalb eine Weile, bis die Pädagogen einen Einblick hinter die Fassade bekommen – und entscheiden können, welche Hilfsmaßnahmen für den Jugendlichen das beste sind. „Einige sind so traumatisiert, die brauchen etwas ganz anderes als das, was wir hier bieten", sagt Klaus-Peter Brell. Bis zu drei Monaten kann so ein Clearingprozess dauern.

Kinder, die zwölf Jahre oder jünger sind, werden in der Regel sofort in Pflegefamilien untergebracht. Das Durchschnittsalter der Internatsbewohner liegt bei 15 bis 16 Jahren. „Der Jüngste, den wir hier haben, ist 13", sagt Brell. Auch zwei Mädchen gehören zu den Bewohnern. Die meisten stammen aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus Irak, Pakistan, Indien und Eritrea.

Die Gründe, warum die Kinder ohne Eltern in Deutschland ankommen, sind vielfältig. Viele werden von ihren Familien geschickt, da das Geld für eine Flucht nicht für die gesamte Familie reicht und die Minderjährigen die Eltern später nachholen können. „Es gibt aber auch welche, die von ihren Eltern getrennt wurden oder bei denen die Familien noch irgendwo feststecken", sagt Klaus-Peter Brell.

Kontakt halten übers Smartphone

Ein klein wenig gemindert wird der Trennungsschmerz mit Hilfe der Smartphones. „Viele Deutsche äußern sich abfällig darüber, wenn sie Flüchtlinge mit Smartphones sehen – aber ohne die Kontakte, die sie darüber halten können, wären sie noch viel viel einsamer", sagt Brell. Auch Facebook helfe ungemein, etwas von der allgemeinen Situation oder der ihrer Verwandten und Freunde mitzubekommen.

Wenn das Heimweh zu groß werde, zögen sie sich oft zurück; manche verletzten sich auch selbst, sagt Anika Schüler. Damit vor allem die jungen Männer Druck ablassen können, gibt es nach der Schule viele Sportangebote. Aber auch die Koch- und Backgruppe werde sehr gut angenommen.

Beschult werden die Internatsbewohner zur Zeit überwiegend in den drei Spracheingangsklassen an der CJD-Hauptschule. „Wir planen derzeit noch eine vierte Klasse, die an der Sekundarschule verortet sein soll", so Brell. Der Spracherwerb sei immens wichtig, damit die Jugendlichen in Kontakt kommen können. Aber gerade bei den syrischen Jugendlichen rennen sie damit offene Türen ein. „Bei den Syrern hat Bildung einen sehr hohen Stellenwert, die sind häufig wesentlich motivierter als Gleichaltrige in der Jugendhilfe", sagt Brell und auch die Sozialisation sei im Vergleich oft wesentlich ausgeprägter. Insgesamt, sagt Anika Schüler, sei es eine wirklich interessante Aufgabe. „Man erlebt die unterschiedlichen Kulturen", sagt sie und Klaus-Peter Brell ergänzt: „Es ist eine anders spannende Form der Jugendhilfe."

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