Politik erschrocken über IHK-Standortumfrage

Frank Jasper

Montagearbeit: Junge, qualifizierte Leute für solche Jobs zu finden, wird auch für Steinhagener Unternehmen schwieriger. Fehlende Ausbildungsreife und Fachkräftemangel waren nur zwei Kritikpunkte, die aus der IHK-Umfrage hervorgehen. - © Foto: Friso Gentsch/dpa
Montagearbeit: Junge, qualifizierte Leute für solche Jobs zu finden, wird auch für Steinhagener Unternehmen schwieriger. Fehlende Ausbildungsreife und Fachkräftemangel waren nur zwei Kritikpunkte, die aus der IHK-Umfrage hervorgehen. (© Foto: Friso Gentsch/dpa)

Steinhagen. Laut aktueller Umfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) hat Steinhagen seinen Status als Wirtschaftsstandort Nummer eins im Altkreis Halle verloren (das HK berichtete gestern). Ein Grund für die schlechten Noten soll laut IHK die Absage an die Bielefelder Großspedition Wahl & Co. im vergangenen Jahr gewesen sein.

Darauf angesprochen, erinnert SPD-Fraktionsvorsitzende Sabine Godejohann an den demokratischen Prozess, wonach sich nicht nur die politische Mehrheit, sondern in einem Bürgerentscheid mehr als die Hälfte der Wähler gegen die Ansiedlung ausgesprochen hatte. Steinhagen in der Folge als wirtschaftsfeindlich darzustellen, sei falsch. „Grundsätzlich funktioniert die Zusammenarbeit mit den heimischen Unternehmen doch gut, etwa wenn es um Expansionspläne geht. Da werden auch mal Bebauungspläne für Firmen geändert", stellt Sabine Godejohann im Gespräch mit dem Haller Kreisblatt fest.

Den ökologischen Ansatz, mit dem die von Wahl & Co. favorisierte Fläche künftig überplant werden könnte, hält sie für zukunftsweisend. „Wir wollen gescheite und nachhaltige Lösungen, und es gibt viele namhafte Unternehmen, die genau diesen Weg gehen möchten", sagt die Fraktionschefin.

Mit dem Mangel an qualifizierten Fachkräften und einer unzureichenden Ausbildungsreife der Schulabgänger – auch das hatten die befragten Unternehmen bemängelt – hätten alle Kommunen zu kämpfen. „Die Industrie könnte mehr junge Menschen ausbilden, wenn sie ihnen mehr Zeit ließe", schlägt Godejohann vor.

Nach Meinung des CDU-Fraktionsvorsitzenden Herbert Mikoteit haben SPD und Grüne das Umfragedebakel zu verantworten. „Das schlechte Ergebnis ist allein auf die kommunalpolitischen Entscheidungen der rot-grünen Ratsmehrheit zurückzuführen", sagt Mikoteit. Er wirft ihr nicht nur eine wirtschaftsfeindliche Politik gegenüber Wahl & Co. vor, sondern nennt auch die Sperrung des Marktplatzes für den Anlieferungsverkehr der dort ansässigen Geschäfte sowie die Anhebung der Grund- und Gewerbesteuer in den zurückliegenden Jahren als Negativbeispiele.

Den Plänen, wonach auf der Hoffläche Detert nun ein nach ökologischen und nachhaltigen Kriterien entwickeltes Gewerbegebiet entstehen soll, steht Mikoteit abwartend bis skeptisch gegenüber: „Ökologische Standards hätten Wahl & Co. auch erfüllt. Rot-Grün will da wohl am liebsten Kasperlepuppenschnitzer und Weidenkorbflechter ansiedeln."

»Haben die Schulen gut ausgestattet und das Internet schneller gemacht«

Grünensprecher Detlef Gohr sieht hingegen ebenso wie Sabine Godejohann viel Potenzial in der Hoffläche Detert. Jetzt gehe es da-rum, sich mit einem sinnvollen Ansiedlungskonzept breit aufzustellen. Heimischen Unternehmen könnten hier Expansionsmöglichkeiten angeboten und neues Gewerbe angeworben werden.

Was die mangelnde Ausbildungsreife angeht, nimmt Gohr die Unternehmen mit in die Pflicht: „Sie müssen Ausbildungsplätze bereitstellen und die Jugendlichen da abholen, wo sie stehen." Er warnt vor zu viel Schwarzmalerei: „Wir haben unsere Schulen gut ausgestattet. Die Breitbandversorgung, gerade in den Randlagen, ist erheblich verbessert worden. Da diese Anstrengungen anscheinend von der Wirtschaft noch nicht honoriert werden, müssen wir unsere Schulen noch besser machen, das Internet weiter in Richtung Highspeed ausbauen und Steinhagen noch attraktiver für Familien machen."

FDP-Fraktionsvorsitzende Silke Wehmeier sieht sich nach Veröffentlichung der IHK-Umfrage in ihren Befürchtungen bestätigt. „Der Umgang mit dem Ansiedlungswunsch von Wahl & Co. hat das Vertrauen der Unternehmen in die Verlässlichkeit der Politik hier vor Ort stark erschüttert. Es ist doch so, dass die Gemeinde, vertreten durch die politische Mehrheit von Rot-Grün, jetzt nicht mehr als zuverlässiger Partner für die Wirtschaft empfunden wird", stellt Wehmeier fest.

Natürlich seien die weichen Standortfaktoren wie Schulen, ärztliche Versorgung, ÖPNV auch wichtige Ansiedlungsgründe. „Aber es gibt andere Faktoren wie die Ausweisung von Gewerbeflächen, Gewerbesteuerentwicklung und die Breitbandversorgung. Die IHK-Studie hat gezeigt, dass es jetzt höchste Zeit wird, diese Themen vorrangig zu bearbeiten. Einer der wichtigsten Ansatzpunkte muss sein, dass das Vertrauen der Unternehmen zurückgewonnen wird", fordert Silke Wehmeier.

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