Landarztpraxis ist ein Auslaufmodell

Frank Jasper

Gesucht: Junge Allgemeinmediziner, die im ländlichen Raum die Versorgung der Patienten sichern. - © Bernd Weißbrod/dpa
Gesucht: Junge Allgemeinmediziner, die im ländlichen Raum die Versorgung der Patienten sichern. (© Bernd Weißbrod/dpa)

Steinhagen. Gleich vier der zehn Steinhagener Hausärzte werden in den nächsten drei Jahren ihren weißen Kittel an den Nagel hängen. Bürgermeister Klaus Besser nennt Dr. Michael Klessing, Matthias Botthof, Dr. Reinhard Paul Knabe und Dr. Johannes Elwitz, die dann für die Patienten nicht mehr zur Verfügung stehen. Immerhin: Mit Dr. Ute Müller, die kürzlich von Halle nach Steinhagen in die bisherige Einzelpraxis von Ilona Metzner gewechselt ist, gibt es eine neue Ärztin im Ort.

Baubeginn für Ärztehaus in der ersten Jahreshälfte

Am Mittwochabend hatten sich auf Einladung des Bürgermeisters Hausärzte, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung, der Geschäftsführer des Zentrums für Innovation im Gesundheitswesen Uwe Borchers, Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung und Vertreter der politischen Fraktionen im Rathaus zum Informations- und Meinungsaustausch getroffen. Ein Thema war natürlich das beschlossene Ärztehaus, das am Marktplatz entstehen soll.

„Architekt Hendrik Nitschke ist zurzeit damit beschäftigt, seinen Gebäudeentwurf zu konkretisieren, damit er ihn noch in diesem Jahr der Politik vorstellen kann“, berichtet Klaus Besser. Noch offen sei die Frage, an welchen Investor die Gemeinde Steinhagen die in ihrem Besitz befindlichen Grundstücke Cronsholl und Gläsker, auf denen das Projekt realisiert werden soll, verkauft. Im Gespräch sind Apotheker Lutz Heitland, eine Projektentwicklungsgesellschaft, die in Kontakt mit dem Büro Nitschke steht, und die Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung. Baubeginn könnte in der ersten Jahreshälfte 2018 sein.

In dem neuen Gesundheitszentrum am Markt will Steinhagen die Weichen für die hausärztliche Versorgung der Zukunft stellen. „Der Trend geht zu Gemeinschaftspraxen. Das wurde uns am Mittwoch noch einmal sehr deutlich gemacht“, berichtet Bürgermeister Klaus Besser. Dazu gehöre auch ausreichend Platz für die Ausbildung von jungen Ärzten, die in Steinhagen hospitieren oder ihr Praxisjahr absolvieren möchten. „Denen kann man im Idealfall auch gleich eine Wohnmöglichkeit vor Ort anbieten“, so Besser. Die klassische Landarztpraxis mit einem Arzt sei hingegen ein Auslaufmodell.

Hoffnungen setzt auch die Gemeinde Steinhagen in die geplante medizinische Fakultät an der Universität in Bielefeld. Wann und in welcher Form dort mit der Medizinerausbildung begonnen werden kann, steht noch nicht fest. Laut Theo Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, ist ein Beginn in zwei bis vier Jahren möglich. In der Folge könnten Kommunen wie Steinhagen davon profitieren, dass junge Ärzte in der Region bleiben.

„Allerdings haben wir am Mittwoch von aktuellen Untersuchungen erfahren, wonach sich nur ein Viertel der Medizinabsolventen überhaupt niederlassen möchte. Und davon gerade mal neun Prozent als Allgemeinmediziner. Der Großteil strebt ein Angestelltenverhältnis zum Beispiel in einer Klinik an“, berichtet Klaus Besser. Entschließe sich ein junger Mediziner für die Selbständigkeit, dann in einer Gemeinschaftspraxis, in der das finanzielle Risiko geringer und die persönlichen Freiräume größer seien. Genau deshalb will man in Steinhagen mit dem neuen Ärztehaus am Marktplatz eine entsprechende Infrastruktur schaffen.

Kritik: Bereiche sind ungerecht zugeschnitten

Zur Sprache kamen beim runden Tisch auch strukturelle Unwägbarkeiten. „Steinhagen gehört ebenso wie Werther und Oerlinghausen zum hausärztlichen Versorgungsbereich Bielefeld. Und der gilt nicht als unterversorgt“, erklärt Bürgermeister Klaus Besser. Siedeln sich beispielsweise wie aktuell geplant in Hoberge-Uerentrup neue Ärzte an, dann werde das dem gesamten Bereich angerechnet.

Ungerecht findet man das in Steinhagen, wo sich ein Engpass bei der Hausarztversorgung seit Jahren abzeichnet. „Halle und Borgholzhausen bilden einen eigenen Versorgungsbereich und kommen im Gegensatz zu Steinhagen bereits in den Genuss von Sonderförderungen durch die kassenärztliche Vereinigung“, so Klaus Besser.

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