Anzeige

Sozialpädagogin Martina Detert: „Lasst Kinder ihre Welt selbst entdecken“

Vortrag am Mittwoch um 20 Uhr im Waldbad-Kindergarten

Sonja Faulhaber

Sich selbst und die Welt entdecken: Diese beiden machen es richtig. Sie gehen in den Wald zum Spielen. Der Lieblingsteddy wird dabei genauso ins Spiel eingebunden wie die Stöcke – eben grenzenlose Fantasie. - © Foto: Jonas Damme
Sich selbst und die Welt entdecken: Diese beiden machen es richtig. Sie gehen in den Wald zum Spielen. Der Lieblingsteddy wird dabei genauso ins Spiel eingebunden wie die Stöcke – eben grenzenlose Fantasie. (© Foto: Jonas Damme)
Wollen neu durchstarten: Martina Detert - © Foto: A. Hanneforth
Wollen neu durchstarten: Martina Detert (© Foto: A. Hanneforth)

Warum brauchen Kinder Zeit für freies Spielen?

Martina Detert: Kinder erobern sich ihre Welt. Sie untersuchen, wie Dinge funktionieren, wollen selber forschen und neugierig sein. Und dafür brauchen sie Zeit.

Ist diese Forderung in unserer schnelllebigen Zeit mit Smartphones und Tablets noch realistisch?

Detert: Ja, man muss die Eltern ermutigen, es in Angriff zu nehmen. Es macht ja nichts, wenn Kinder auch mal am Computer spielen, aber danach sollte das Kind dann auch raus toben dürfen. Eltern sollten ihren Kindern Mut machen, etwas Neues auszuprobieren.

Das fällt vielen Eltern heute schwer, oder?

Detert: Ich plädiere dafür, Kinder auch mal unbeobachtet im Garten spielen zu lassen. Früher gingen Kinder allein zum Bäcker, heute bewegen sich die meisten nicht mehr als 500 Meter vom Haus weg. Dabei ist es wichtig, Kinder ihre Welt selbst entdecken zu lassen.

Warum? Sicherer ist es doch an Mamas Hand.

Detert: Kinder können sich später nur in der Welt zurecht finden, wenn sie lernen Gefahren einzuschätzen und damit umzugehen. Da ist der Schulweg ein gutes Beispiel. Erst sollen Eltern ihre Kinder gerne begleiten, doch nach ein paar Wochen, wenn die Kinder sich auskennen, dürfen sie den Weg zur Schule auch allein zurück legen. Das macht stark.

Aber bringt ein früher Englisch-Kurs oder ein Instrument zu lernen einem Kind nicht mehr für die Zukunft als Hütten bauen im Wald?

Detert: Nein, die Kompetenz, die Kinder beim freien Spielen erlernen, brauchen sie später zum Beispiel in der Arbeitswelt. Kinder lernen ihre Grenzen kennen, sie lernen mit anderen zu kommunizieren, bemerken wann sie eine Pause brauchen und sie stellen fest, was ihr Gegenüber denkt. Alles wichtige Kernkompetenzen in der Arbeitswelt.

In welchem Alter ist freies Spiel besonders wichtig für die Entwicklung?

Info
Gegen volle Terminkalender

Das Familienzentrum lädt am Mittwoch, 21. Juni, um 20 Uhr zu einem Vortrag in den Waldbad-Kindergarten ein. Thema wird sein: »Gegen volle Terminkalender – das Recht der Kinder auf freies Spiel«. Als Referentin wird die Sozialpädagogin Martina Detert (Foto), Vorsitzende des Vereins Fam.o.S in Werther, zu Gast sein. Die dreifache Mutter weiß, wovon sie Spricht, erlebt sie doch privat wie beruflich, im Kreisfamilienzentrum, jeden Tag den Alltag von Kindern in der heutigen Zeit mit. Wer Interesse hat, kann spontan vorbeikommen. Zur besseren Übersicht würden sich die Organisatoren aber über eine Anmeldung unter Tel. (0 52 04) 49 80 freuen.

Detert: In jedem Alter. Aber es fängt schon früh an, was manche nicht bedenken. So sind Kinder, die in ihren ersten zwei Lebensjahren gelernt haben frei zu spielen und ihre Fantasie einzusetzen später im Kindergarten kreativer, wenn es um die Umgestaltung von Spielzeug geht. Da wird der Playmobil-Polizist plötzlich zum Räuber. Die hohe Kunst des freien Spiels ist übrigens das Rollenspiel mit vier oder fünf Jahren. Die Kinder bekommen spielerisch eine hohe Kompetenz an Kommunikationsfähigkeit. Hinzu kommen Ausdauer, Konzentration und die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen.

Im Kindergarten ist es manchmal gar nicht so einfach nach Lust und Laune zu spielen. Fördern und Fordern fängt in Deutschland ja immer früher an. Sehen Sie das kritisch?

Detert: Mir kommt es auf die Ausgewogenheit an. Wenn es im Kindergarten genug Raum gibt, um einfach nur zu spielen, wenn eine Kiste mit alten Kleidern zum Kostümieren einlädt und wenn Kinder draußen toben dürfen, dann spricht natürlich nichts dagegen, dass es auch andere Phasen gibt. In denen lernen die Kinder ja auch wichtige Techniken, zum Beispiel wie man einen Stift hält oder wie man mit unterschiedlichen Materialien umgeht. Kinder haben auch Spaß daran, sich in einem Projekt mit Dingen intensiv zu beschäftigen.

Also ist Fördern doch wichtig?

Detert: Ja, ich habe nichts gegen Förderung. Aber ein Tag in der Woche reicht, an dem das Kind zur musikalischen Früherziehung geht oder in den Sportverein. Und vor allem eins ist wichtig: Wochenende ist Wochenende. Da hat man frei!

Ihr Vortrag heißt »Gegen volle Terminkalender – das Recht der Kinder auf freies Spiel«. Wie sähe für Sie denn ein Horror-Tag im Terminkalender eines Kindes aus?

Detert: Nach der Kita gleich vor den Fernseher, dann Abendbrot, noch einmal kurz an den Computer und ab ins Bett. Oder nach der Schule zum Musikunterricht, dann zum Tanzen, und nach dem Abendessen noch Förderspiele.

Anzeige

Copyright © Haller Kreisblatt 2017
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

captcha
Anzeige
Anzeige
Anzeige