HK-Interview mit Landwirt Konrad Upmann: „Ich habe meinen Frieden mit der A33 gemacht“

Heiko Kaiser

Am Ende wird sie doch gebaut: Seit den frühen 80er Jahren hat Konrad Upmann zusammen mit Mitstreitern im Aktionsbündnis A 33 Widerstand gegen die Autobahn geleistet. „Nie ungesetzlich“, wie er betont. Heute hat er sich damit arrangiert. - © Foto: Heiko Kaiser,
Am Ende wird sie doch gebaut: Seit den frühen 80er Jahren hat Konrad Upmann zusammen mit Mitstreitern im Aktionsbündnis A 33 Widerstand gegen die Autobahn geleistet. „Nie ungesetzlich“, wie er betont. Heute hat er sich damit arrangiert. (© Foto: Heiko Kaiser,)

Halle. Der Borgholzhausener Landwirt Konrad Upmann (83) hat zusammen mit anderen im Aktionsbündnis A 33 gegen die Autobahn gekämpft. Anders jedoch als die Hüttendörfler. „Wir haben etwas erreicht", sagt er heute.

Herr Upmann, Sie waren einst im Aktionsbündnis gegen die A 33 aktiv. Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt die Berichterstattung über die Eröffnung des neuesten Teilstücks verfolgen?

KONRAD UPMANN: Das sah fast schon so aus, als wolle man die A 33 mit einem Heiligenschein versehen. Ich habe nie verstanden, was dieses »Aktionsbündnis A 33 sofort« eigentlich sollte.

Wie meinen Sie das?

UPMANN: Wenn eine Autobahn bereits rechtssicher festgestellt ist, so wie die K-Trasse es war, ist die Gründung einer solchen Initiative doch sinnlos. Sie dient letztlich nur der Verherrlichung der Autobahn.

Doch die wird bald fertiggestellt sein. Es wird gefeiert und niemand spricht mehr von Widerstand.

UPMANN: Das stimmt. Die Geschichte der Widerstandskultur fand in den Berichten über die Trasseneröffnung nicht statt.

Widerstandskultur?

UPMANN: Ich sage das bewusst so. Denn wir vom Aktionsbündnis gegen die A 33 haben uns immer in den gesetzlich erlaubten demokratischen Möglichkeiten bewegt. Nie ungesetzlich. Ich weiß, bei den Hüttendörflern wurde das nicht so genaugenommen.

Gab es denn Kontakte?

UPMANN: Natürlich. Es ging ja beiden um die gleiche Sache. Dabei waren wir nie förmlich miteinander verbunden, aber einander auch nicht feindlich gesinnt. Als Landwirt wird man in ein konservatives Umfeld geboren und ist praktisch von Geburt an in der CDU. Die Hüttendörfler kamen eher vom linken Rand, waren ganz anders sozialisiert. Aber sie waren auch auf die Unterstützung der Landwirte angewiesen, weil sie Orte brauchten, auf denen sie ihre Hütten errichten konnten.

Sie sprechen immer von wir. Wer war in diesem Aktionsbündnis?

UPMANN: Es gab Ortsgruppen beispielsweise in Halle, Quelle, Dissen, Borgholzhausen, Steinhagen oder Hörste. Vielfach waren es Mitglieder der Grünen. Aber nicht nur. Wir haben uns, wenn es nötig war, im Büro der Grünen in Halle getroffen. Wir waren zudem mit Umweltorganisationen wie BUND oder NABU vernetzt.

Und die landwirtschaftlichen Vereinigungen?

UPMANN: Ich bin damals dem Irrglauben erlegen, dass der Widerstand die Landwirte einen würde und wir von ihnen die Hauptunterstützung bekommen würden. Das war aber nicht der Fall. Jedenfalls nicht in dem Maß, wie ich es erwartet hätte. Weder die landwirtschaftlichen Ortsvereine noch der Kreislandwirtschaftsverband waren im Boot.

Sie aber haben sich anders entschieden. Warum?

UPMANN: Meine Frau und ich haben uns immer stark für die Natur und den Naturschutz interessiert. Wir haben zum Beispiel keinen Standardgarten, sondern einen, in dem Pflanzen wachsen dürfen, die man Unkraut nennt. Kürzlich sind hier wieder Käuzchen geschlüpft. Außerdem hat bei mir auch eine gewisse Lust am Widerstand mitgespielt. Aber ich war ja nicht der Einzige. Es gab einige, wie zum Beispiel Günter Rahmann, die es ähnlich gesehen haben.

Die Autobahn wird gebaut. Die Trasse verläuft 150 Meter hinter Ihrem Haus. War Ihr Widerstand umsonst?

UPMANN: Nein auf keinen Fall. Aus persönlicher Sicht ist diese Trasse für uns die erträglichste. Die sogenannte V 16+-Trasse wäre ohne Schutz 50 Meter südlich von unserem Grundstück verlaufen. Das wäre verheerend gewesen. Außerdem haben wir Dinge durchgesetzt, die es ohne unser Engagement nie gegeben hätte.

Was zum Beispiel?

UPMANN: Es wurden zahlreiche Querungshilfen und Grünbrücken errichtet. Viel mehr, als zunächst geplant. Der Widerstand hat zudem dafür gesorgt, dass die prioritären Tierarten eben jenen Schutz bekommen haben, den sie laut Gesetz verdienen. Was wurden wir verlacht, als es Diskussionen um den Kammmolch gab. Doch diese Menschen, die da gelacht haben, haben nichts verstanden. Und letztlich haben von unserem Einsatz auch die Autobahnbefürworter profitiert.

Inwiefern?

UPMANN: Dadurch, dass beispielsweise vier Meter hohe Überflugschutzwände geschaffen wurden, um Vögel und Fledermäuse zu schützen, wurde auch für den Lärmschutz mehr getan, als vorgesehen. Auch wurde in Zusammenarbeit mit der Initiative Haller Willem damals die Grundlage dafür geschaffen, dass die Bahnstrecke weiter besteht. Ursprünglich wollte man sie komplett kappen. Auch hier haben wir mitgewirkt, indem der Haller Willem zum Expo-Projekt 2000 gemacht wurde. Oder denken Sie nur an das so genannte Hinz-Gutachten.

Helfen Sie mir.

UPMANN: In Dissen war man immer pro A 33 eingestellt. Das Hinz-Gutachten ergab nun, dass trotz Autobahn etwa 14.000 Autos pro Tag durch die Stadt fahren würden. Das führte zu Protesten und schließlich dazu, dass eine Umgehung gebaut wurde. So ist die Innenstadt dort heute total beruhigt.

In Halle ist die Situation ähnlich, oder?

UPMANN: Genau. Und eine solche komplett durchfinanzierte Umgehungsstraße war auch für Halle bereits auf dem Tisch. Sie wurde aber verworfen. Meine Interpretation ist: Man hat sie abgelehnt, weil man fürchtete, dass sie den Druck auf Bau der A 33 verringern würde. Und das wollte man nicht.

Wer ist man?

UPMANN: Die breite politische Mehrheit in Halle. Die CDU, aber auch die SPD war meistens dabei. Nur die Grünen waren immer gegen diese Autobahn.

In Halle wird gesagt, wenn erst die A 33 fertig ist, wird es besser.

UPMANN: Das, was mit der Autobahn an Landschaft zerstört wurde, ist nicht mehr zu reparieren. Wir haben uns eine Hypothek aufgeladen, die uns dauerhaft belasten wird. Die Frage ist doch, ob dieser Preis, den wir da bezahlen, nicht viel zu hoch ist. Auch an die Verkehrsberuhigung glaube ich nicht. Im Gegenteil: Die Autobahn lockt täglich 40.000 bis 60.000 Fahrzeuge in die Region. In Halle verläuft sie direkt im Süden der Stadt. Wir haben zu 80 Prozent südliche Winde. Die Abgase werden also über die Stadt getragen.

Wie beurteilen Sie die Zeit des Widerstands heute?

UPMANN: Ich würde so weit gehen, dass der Widerstand gegen die Autobahn das Sinnhafteste war, mal abgesehen von meiner Familie und meinem Beruf, für das ich mich engagiert habe. Ich habe es nie bereut.

Wie sehen Sie die Aktionen der Hüttendörfler rückblickend?

UPMANN: Etwas anders als damals. Sie waren die Speerspitze für eine gute Sache. Denn zwar ist diese Autobahn demokratisch beschlossen worden. Doch dass auch Mehrheitsbeschlüsse nicht frei davon sind, sich im Nachhinein als Fehler zu erweisen, sieht man jetzt zum Beispiel in Steinhagen, wo die Autobahn eine Gemeinde zerschneidet. Wir haben damals ein Lärmmobil auf den Weg gebracht, in dem Autobahngeräusche in realer Lautstärke widergegeben wurden. Damals hat man uns nicht geglaubt. Heute sagen die Anwohner in Steinhagen, sie hätten nie gedacht, dass es so laut werden könnte. Ich bin gespannt, wie es sich weiter entwickeln wird.

Wie hat der Widerstand gegen die A 33 Ihr Leben verändert?

UPMANN: Indem sich beispielsweise unser Freundeskreis grundlegend geändert hat. Die A 33 hat mich außerdem politisch emanzipiert und letztlich dazu geführt, dass wir 1989 die Borgholzhausener Unabhängigen gegründet haben.

Mischt bei Ihnen noch Wut oder Trauer mit, wenn Sie heute über diese Autobahn sprechen?

UPMANN: Nein. Das Thema ist für mich abgehakt. Ich habe meinen Frieden damit gemacht.

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