Totschlag im Übergangswohnheim: Streit um ein Fahrrad

Nicole Donath

Beklemmender Blick durch eine milchige Scheibe: Im Souterrain der Obdachlosenunterkunft Sandforth hatte der 74-Jährige sein Zimmer. Der Rollstuhl, in dem er sich zuletzt fortbewegen musste, steht noch da. Überhaupt vermittelt das Bild einen Eindruck, in welchem Umfeld die Menschen ihr Dasein fristen. Fotos: Nicole Donath - © Nicole Donath
Beklemmender Blick durch eine milchige Scheibe: Im Souterrain der Obdachlosenunterkunft Sandforth hatte der 74-Jährige sein Zimmer. Der Rollstuhl, in dem er sich zuletzt fortbewegen musste, steht noch da. Überhaupt vermittelt das Bild einen Eindruck, in welchem Umfeld die Menschen ihr Dasein fristen. Fotos: Nicole Donath (© Nicole Donath)
Das jüngste Vorkommnis: In dieser Woche wurde diese Fensterscheibe zu einem der Zimmer in der Unterkunft zertrümmert. - © Nicole Donath
Das jüngste Vorkommnis: In dieser Woche wurde diese Fensterscheibe zu einem der Zimmer in der Unterkunft zertrümmert. (© Nicole Donath)

Halle. Ganz ruhig ist es an diesem Morgen rund um das Übergangswohnheim an der Gütersloher Straße. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern und sogar ein Eichhörnchen rennt über den gefrorenen Rasen. Nur das Rauschen der vorbeifahrenden Autos auf der nahen Umgehungsstraße durchbricht die Stille. Aus dem mächtigen Wohnkomplex, der früher mal als Seniorenstift diente, dringen keine Stimmen oder Geräusche. Nichts deutet darauf hin, dass hier jemand wohnt. Dass jemand in dieser Woche die Fensterscheibe eines Zimmers zum Souterrain eingeschlagen hat. Geschweige denn, dass hier vor drei Wochen ein Mann so heftig verprügelt wurde, dass er diese Attacke nicht überlebte.

Endstation Sehnsucht in der Einöde

Platz wäre in dem Heim für 60 Menschen. Offiziell sind es 30, die hier aktuell Unterschlupf suchen. Tatsächlich fristen wohl nicht einmal mehr zehn ihr Dasein. Dabei sind es teils Flüchtlinge, teils Obdachlose, die inmitten ihrer kleinen, spartanisch eingerichteten Zimmer ihre wenigen Habseligkeiten um sich versammeln: Bett, Tisch, Schrank und Stuhl auf wenigen Quadratmetern rutschfester Kacheln. Endstation Sehnsucht in der Einöde zwischen Halle und Brockhagen.

Tristesse: Ein typischer Flur im Übergangswohnheim. - © Nicole Donath
Tristesse: Ein typischer Flur im Übergangswohnheim. (© Nicole Donath)

Ein Spaziergänger kommt vorbei. Er kennt das Haus und ein paar der Menschen, die hier leben. Er weiß auch, wer der Mann war, der am Mittwoch, zweieinhalb Wochen nach dem Angriff, seinen Verletzungen erlegen ist. „Fritz M. (Name der Redaktion geändert) hat hier seit etwa zehn Jahren gelebt. Wir haben uns gegrüßt, manchmal habe ich ihn auch mit nach Halle genommen." Der Senior sei im Haus derjenige gewesen, der immer nach dem Rechten geschaut hätte.

Was dazu geführt haben könnte, dass der 74-Jährige an jenem 20. Januar angegriffen wurde, ob vielleicht ein Streit voranging – das vermag der Spaziergänger nicht zu sagen. Schließlich gibt es zurzeit ja auch niemanden, dem die Tat nachzuweisen ist. Aber so viel: „Seitdem Fritz vor Weihnachten schon mal von einem 21-jährigen Mitbewohner zusammengeschlagen wurde, saß er im Rollstuhl." Entgegen den bisherigen Informationen war das Opfer also nicht bis zum 18. Januar im Krankenhaus, sondern kehrte bereits kurze Zeit später wieder in die Unterkunft zurück – wenngleich eben nur noch eingeschränkt bewegungsfähig.

Damals soll ein Fahrrad der Auslöser des Streites gewesen sein. Der junge Mitbewohner soll sich das Rad des 74-Jährigen genommen haben, woraufhin dieser ihn zur Rede gestellt habe, bis es schließlich zu der tätlichen Auseinandersetzung kam. Auch bei der jüngsten Attacke, die am Ende zum Tod des Mannes führte, hatte die Polizei denselben jungen Mann in Verdacht. Aber der hat die Tat von Anfang an abgestritten und bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass es der 21-Jährige Haller war. Auch ihn kennt der Spaziergänger. Aber jetzt hat er ihn schon längere Zeit nicht mehr im Wohnheim gesehen.

Am Freitag nun wurde die Leiche von Fritz M. obduziert. Aber Kriminalhauptkommissar Ralf Gelhot, der mittlerweile die Leitung der »Mordkommission Bokel« von seinem Kollegen Markus Mertens übernommen hat, wird sich voraussichtlich erst am Montag in Absprache mit dem zuständigen Staatsanwalt Veit Walter zu den Ergebnissen äußern. Immerhin so viel ist klar: Aus dem bisherigen Vorwurf der schweren Körperverletzung wird nun Totschlag oder sogar Mord.

Wie eine Sprecherin der Kanzlei Bennecken aus Marl auf Anfrage bestätigte, vertritt Rechtsanwalt Burkhard Bennecken die Interessen der Schwester des Opfers. Hierbei handelt es sich um Marlies Rosin, zugleich die Mutter von TV-Starkoch Frank Rosin . Für eine Stellungnahme war der Anwalt jedoch nicht erreichbar.

Info
Hier finden Sie alle Links zu diesem Thema

Copyright © Haller Kreisblatt 2018
Texte und Fotos vom Haller Kreisblatt sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

captcha