Atempause in der Hörster Kirche: Wenn die Stille laut wird

Heiko Kaiser

Wunsch nach Stille: Bereits kurz nach dem Öffnen der Kirche um 18.30 Uhr sind viele Bänke besetzt. Ab 19 Uhr beginnt die Atempause mit Liedern, stillen Momenten und Impulsen. - © Heiko Kaiser, HK
Wunsch nach Stille: Bereits kurz nach dem Öffnen der Kirche um 18.30 Uhr sind viele Bänke besetzt. Ab 19 Uhr beginnt die Atempause mit Liedern, stillen Momenten und Impulsen. (© Heiko Kaiser, HK)

Halle-Hörste. Jede Atempause beginnt mit dem Atemholen. Es ist 18.20 Uhr. Pastor Burkhard Steinebel und Küsterin Monika Kredell legen letzte Hand an die Vorbereitung der Stille. Inmitten der von Kerzen erleuchteten Hörster Kirche wirkt ihre Betriebsamkeit wie ein letztes Aufbäumen der Alltagshektik. Noch hält sie der defekte CD-Player in Atem.

Auf der Empore rückt Organist Hans-Werner Groß an der Orgel die Notenblätter zurecht. Ein kurzer Blick auf den Zettel mit dem Fahrplan der Atempause – dann schaut er in den Kirchenraum hinunter: „Auch heute werden wieder bestimmt 100 Menschen kommen", sagt er mit gedämpfter Stimme. Sein Flüstern wäre gar nicht nötig. Doch irgendwie scheint der Respekt vor der Atmosphäre von ihm bereits Besitz ergriffen zu haben. „Da hat er eine echte Marktlücke entdeckt", fügt Groß leise und mit Blick auf Burkhard Steinebel hinzu. Irgendwie will sich dieses Wort nicht in das Bild der festlich erleuchteten Kirche einfügen.

Pünktlich um 18.30 Uhr öffnet sich die Tür. Die ersten Besucher treten herein. Steinebel heißt jeden Einzelnen willkommen. 15 Minuten später sind die Bänke voll besetzt. Jetzt erfüllt auch der CD-Spieler seinen Dienst. Taizé-Gesänge begleiten die Menschen sanft in die Ruhe. Still und mit geschlossenen Augen verharren manche von ihnen, andere lassen das Farben- und Schattenspiel der Hörster Kirche auf sich wirken. Füße rascheln. Hier und da ist ein Hüsteln zu vernehmen. Einige wenige tuscheln verstohlen und können doch nicht den Verrat an der Stille verheimlichen.

Der moderne Mensch verdurstet direkt an der Quelle

Dann legt Hans-Werner Groß an der Orgel los. Gesang, Ruhe und Wortbeiträge von Burkhard Steinebel wechseln einander ab. Eine Predigt gibt es nicht. Der Hörster Pfarrer erzählt die Geschichte vom Verirrten in der Wüste. Im Wissen um die Unmöglichkeit, hier auf Wasser zu stoßen, hält dieser das Auftauchen einer Oase für eine Fata Morgana und beklagt sich da-rüber, in seinem Leid dadurch noch zusätzlich gequält zu werden. Zwei Beduinen finden den Verdursteten am nächsten Morgen und sind ratlos darüber, warum er so wenige Meter von der Wasserquelle entfernt diesen Tod gestorben ist. Der eine mutmaßt: „Er war halt ein moderner Mensch."

Damit entlässt Steinebel die Besucher in die Stille. Doch die Geschichte wirkt weiter und inspiriert zu neuen Gedanken: ein moderner Mensch. Einer, der mehr der Logik als der Wahrnehmung vertraut. Denken statt fühlen. Im Wissen erstarren statt fühlend lebendig bleiben. Wie oft nehmen wir die Realität, das Hier und Jetzt nicht wahr, weil die Welt in unserem Kopf alles übertönt und eine künstliche Welt schafft?

„Wenn Du kannst, gib aus Deiner Fülle, wenn nicht, schone Dich", sagt Steinebel kurze Zeit später. Dieser Satz lässt die Stille endgültig laut werden. Doch anders als bei Schweigeminuten in Fußballstadien bekommt die entstehende Spannung hier nicht die Gelegenheit, sich bald in lautem Beifall zu entladen. „Wenn Du kannst, gib aus Deiner Fülle, wenn nicht, schone Dich." Die Worte berühren, ganz offensichtlich. Das Schweigen ist vollkommen. Selbst das Hüsteln verstummt. „Wann gebe ich, obwohl ich eigentlich nicht kann?", scheinen sich viele zu fragen. Die Antwort ist wichtig angesichts der immer größeren Zahl der von Burnout betroffenen Menschen.

Jede Atempause endet mit dem Atemholen. Mit der ersten Luft pusten viele Besucher die Kerze auf ihrer Kirchenbank aus. Dann öffnet die Oase der Ruhe ihre Tür. Die Menschen treten in die Kühle hinaus und in den ganz normalen Trubel eines Freitagabends. Atempausen sind wichtig in einer immer atemloser werdenden Zeit. Da hat er tatsächlich eine Marktlücke entdeckt.

Gelegenheit, eine Atempause einzulegen, besteht im Winterhalbjahr von November bis Februar an jedem ersten Freitag im Monat und am zweiten Freitag im März ab 18.30 Uhr in der Hörster Kirche.

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