Diskussion um Alleestraße: Einfache Lösungen gibt es nicht

Heiko Kaiser

Ein Thema, das die Bürger bewegt: Wohl nur selten hat der in der Mitte tagende Bauausschuss so viel Publikum wie am Mittwochabend. - © Heiko Kaiser
Ein Thema, das die Bürger bewegt: Wohl nur selten hat der in der Mitte tagende Bauausschuss so viel Publikum wie am Mittwochabend. (© Heiko Kaiser)

Halle. Eines hat die Sitzung des Bau- und Verkehrsausschusses deutlich gemacht: Das Problem von Allee- und Bahnhofstraße ist komplex. So komplex, dass es keine Lösung geben wird, die alle Seiten zufriedenstellt. Verkehrsplaner Dr. Ralf Kaulen vom gleichnamigen Aachener Planungsbüro fasste es so zusammen: „Es gibt nicht die erlegende Wollmilchsau."

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Über 100 Zuhörer waren in die Mensa des Schulzentrums gekommen, um sich die Ausführungen Kaulens zum im Vorfeld bereits heftig diskutierten Planvorschlag anzuhören. Gleich zu Beginn machte er Gästen und Ausschussmitgliedern klar: Ein Beharren auf dem Status quo ist nicht möglich. Denn seit 2013 verbiete die Straßenverkehrsordnung, dass Radfahrer gemeinsam mit Fußgängern auf einem gemeinsamen Weg fahren. Bedeutet: Radfahrer müssten per Gesetz schon jetzt auf die Straße. Bei einem Unfall auf dem jetzigen Gehweg, beispielsweise durch einen Autofahrer, der beim Abbiegen den Radfahrer übersieht, könnte es Probleme für den Radler geben.

Stellte das Konzept vor: Planer Dr. Ralf Kaulen stand im Fokus. - © Heiko Kaiser
Stellte das Konzept vor: Planer Dr. Ralf Kaulen stand im Fokus. (© Heiko Kaiser)

Auch die A33 ändert die Verkehrsbelastung nicht Kaulen erklärte, dass täglich zwischen 6700 bis 9200 Kraftfahrzeuge Allee- und Bahnhofstraße befahren. Lediglich bis zu 2,5 Prozent davon seien Lkw. Er führte aus, dass sich laut Schätzungen der Ingenieurgruppe IVV auch nach Fertigstellung der A33 – die Einrichtung einer Tempo-30-Zone vorausgesetzt – an diesen Zahlen wenig ändern werde.

Der Verkehrsplaner teilte die 1,2 Kilometer lange Strecke vom Ortseingang bis zur Kättkenstraße in vier Bereiche ein, die er separat betrachtete. In allen Abschnitten, abgesehen vom Ortseingang, den er mit besonderer Beleuchtung als Ortseingang erlebbar machen will, stellte sich die entscheidende Frage, wie der Radverkehr auf der Straße geführt werden soll. Bei Tempo 50 auf sogenannten Radfahrstreifen, den Fahrzeuge nicht überfahren dürfen, oder aber in einer Tempo-30-Zone auf Schutzstreifen, die lediglich den Raum markieren, in dem sich der Radfahrer bewegt, dessen gestrichelte Linie aber von anderen Fahrzeugen überfahren werden darf.

Die rechtlichen Anforderungen an Straßenbreite sowie den Mindestbreiten von Rad- und Fußgängerbereichen stellen die Planer nun vor ein Problem: Bei Tempo 50 und Radfahrstreifen wäre auf der Alleestraße lediglich auf einer Seite ein Parkstreifen möglich. In einer Zone 30 und dem für Radfahrer vermeintlich unsicheren Schutzstreifen hingegen könnten beidseitig Parkmöglichkeiten geschaffen werden. In beiden Varianten soll ein in der Alleestraße ein überfahrbarer Mittelstreifen mit einer Breite von zwei Metern geschaffen werden. Kaulen favorisierte die Tempo-30-Zonen-Variante, die seiner Darstellung nach keine wesentlichen Nachteile bringt.

Wolfgang Bölling (SPD) betonte noch einmal, dass diese Vorplanung lediglich der Beginn eines Prozesses sei. Gleichzeitig sieht er Handlungsbedarf, um eine rechtssichere Situation zu schaffen und auf Basis dieses Planes weiterzuarbeiten. Für die FDP erklärte Klaus-Peter Kunze: „Das war für mich noch nicht überzeugend." Und er stellte die grundsätzliche Frage, ob ein Tempo 30 tatsächlich das Heilmittel für die Haller Verkehrsprobleme sei.

Klare Position: Anlieger brachten ihre Haltung zu grundlegenden Veränderungen an der Alleestraße mit Plakaten zum Ausdruck. - © Heiko Kaiser
Klare Position: Anlieger brachten ihre Haltung zu grundlegenden Veränderungen an der Alleestraße mit Plakaten zum Ausdruck. (© Heiko Kaiser)

Manfred Stockhecke (UWG) machte deutlich, dass sich die Verkehrssituation durch E-Bikes erheblich verändert habe und so ein Sicherheitsrisiko entstanden sei, wenn sie gemeinsam mit Fußgängern auf dem Gehweg fahren. Gleichzeitig führte er an, ein Zurückkehren zur Planung von 2012, wie von der CDU gefordert, sei aus rechtlichen Gründen gar nicht möglich.

Dringenden Handlungsbedarf, um die Sicherheit von Radfahrern zu verbessern, sieht auch Dieter Jung. Der Grünen-Vertreter widmete sich zudem der Frage der Kosten für die Anlieger, forderte hier Kreativität, um die Verbesserung der Verkehrssicherheit nicht auf dem Rücken der Anlieger auszutragen.

Wie erwartet erteilte Thomas Tappe (CDU) dem Plan eine klare Absage: Er forderte dazu auf, mit der Überplanung so lange zu warten, bis nach dem Lückenschluss deutlich wird, welche Verkehrsströme tatsächlich auf die Stadt zukommen. „Diese Straße muss weiterhin ihre Funktion als Hauptzubringer für die Innenstadt erfüllen können", sagte Tappe, und kritisierte den möglichen Wegfall von Parkplätzen, die für Handel und Gewerbe Nachteile bringen würden. Für die Bürgerinitiative Alleestraße trug Helmut Rose die Standpunkte vor.

Er kritisierte dabei, dass die Anwohner in keiner Weise in die Planerstellung involviert worden seien. Rose äußerte große Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Radfahrern und fürchtet bei fehlenden Haltebuchten und einem Tempo 30 zukünftige Staus auf der Alleestraße. Er regte an, die Bürger im Rahmen eines Bürgerworkshops zu beteiligen und die Pläne in einer Bürgerbefragung zu verabschieden.

Der Ausschuss beschloss gegen die Stimmen der CDU die Vorplanung in einer der nächsten Sitzungen weiter zu beraten. Einstimmig votierte der Ausschuss dafür, in Kürze eine Bürgerversammlung einzuberufen.

Info
So geht es jetzt weiter

Nachdem der Plan im Ausschuss vorgestellt wurde, wird er jetzt in den Fraktionen beraten. Anschließend werden öffentliche Stellen wie Straßenverkehrsbehörde, Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste ihre Stellungnahmen abgeben. Nach einer Bürgerversammlung wird das Thema in einem der nächsten Ausschüsse erneut beraten.


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