Marianne Bollack feiert heute ihren 100. Geburtstag

Max Maschmann

Ergraut, aber noch fit: Marianne Bollack feiert heute im Altenzentrum Eggeblick ihren 100. Geburtstag. Um den Hals baumelt der Bersteinanhänger aus ihrer Kindheit. Die belesene Frau blickt auf ein Leben mit vielen Schicksalsschlägen und viel Hoffnung zugleich zurück. - © Foto: Max Maschmann
Ergraut, aber noch fit: Marianne Bollack feiert heute im Altenzentrum Eggeblick ihren 100. Geburtstag. Um den Hals baumelt der Bersteinanhänger aus ihrer Kindheit. Die belesene Frau blickt auf ein Leben mit vielen Schicksalsschlägen und viel Hoffnung zugleich zurück. (© Foto: Max Maschmann)

Halle. Es ist ein Stück Kindheit, das da um den Hals von Marianne Bollack baumelt: ein Bernstein, den sie auf einem Acker in ihrer Heimat Königsberg gefunden, und den ihr Vater für sie geschliffen hat. Sie trage das Erinnerungsstück aus fossilem Harz täglich, verrät die alte Dame. Sicher auch heute. Schließlich feiert sie im Familienkreis ihren 100. Geburtstag. Eine Rückschau auf ein langes Leben.

Marianne Bollack kommt am 12. Oktober 1917 zur Welt, sie ist die jüngere von zwei Töchtern der ostpreußischen Gutsbesitzer Martha und Herman Wenck. Laut einer Familienurkunde reicht deren Historie bis 1284 zurück. Ihre Kindheit ist geprägt von einer schwierigen politischen Lage und dem frühen Tod des Vaters. Der begeisterte Wassersportler stirbt 1926 während eines Schwimmwettbewerbs. Ein Doppelsalto vom Fünfmeterturm wird zum Verhängnis. „Die Todesursache ist nie festgestellt worden", sagt Marianne Bollack.

„Wenn die aufeinandertrafen, flogen Steine"

Ein Jahr zuvor ist sie nach Insterburg gekommen. Hier, 90 Kilometer von Königsberg entfernt, besucht Marianne Bollack die Volks- und Mittelschule und erlernt den Beruf der Stenokontoristin – wird also darin ausgebildet, Texte sehr schnell aufzunehmen und wiederzugeben, etwa für dass klassische »Diktat« im Büro.

Die heutige Hallerin erlebt unruhige Zeiten. Sie erinnert sich, wie es war, als in der Weimarer Republik auf den Straßen Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten tobten. „Sie sind mit ihren Lastwagen herumgefahren. Und wenn sie aufeinandertrafen, flogen Steine", erzählt Marianne Bollack rückblickend.

Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, spürt Marianne Bollack die Auswirkungen: „Vier Lehrer unserer Mittelschule, die Sozialdemokraten waren, sind entlassen worden." Die Kriegsjahre von 1939 bis 1945 verbringt sie bei ihrer Mutter in Königsberg, arbeitet als Sekretärin. Im letzten Kriegsjahr flüchtet Marianne Bollack ins Erzgebirge. Ihre Mutter und Schwester Hertha hatten dort 1944 dank des »Mutter und Kind«-Transportes Zuflucht gefunden.

Marianne Bollack lernt dort den Pastorensohn Hans Kunde kennen und lieben. „Wir waren eine gute Gemeinschaft und haben beschlossen, zusammenzubleiben", sagt sie. Streit habe es übrigens nie gegeben. „Er hatte viel Humor, hat gerne Wilhelm Busch gelesen."

Im Rahmen einer Familienzusammenführung darf das Paar 1956 die DDR verlassen und kommt nach Versmold. Dort lebt Bollacks Schwester. Bei der Wahl des Arbeitgebers steht sie später vor der Frage: Bertelsmann oder Kreiswohnstättengenossenschaft. „Bei Bertelsmann gibt es viele Bücher, aber die KWG sorgt für Wohnungen – und ich wollte eine haben", sagt die belesene Marianne Bollack und erklärt so ihren Entschluss. Sie bezieht 1957 eine eineinhalb Zimmer große Dachwohnung am Danziger Weg in Halle. Sieben Jahre später stirbt ihr Ehemann im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt. Mit 46 wird Marianne Bollack Witwe.

„Es war wieder jemand da, um den man sich kümmern konnte"

Die heute 100-jährige erholt sich von diesem Schicksalsschlag: Im Juni 1972 lernt sie den alleinstehenden Richard Bollack kennen. Nur drei Monate später sind beide verheiratet. „Endlich war wieder jemand da, um den man sich kümmern konnte." Doch auch die zweite Ehe ist nur von kurzer Dauer. Neun Jahre nach der Eheschließung stirbt Richard Bollack. Marianne Bollack lebt zu dieser Zeit im Haller Masurenweg. Dort lernt sie die spanische Familie Boada kennen. „In der schweren Phase hat sie sich um mich gekümmert", sagt die Jubilarin – und meint Angela Farina. Sie ist jetzt Bollacks Betreuerin, pflegt ein Mutter-Tochter-Verhältnis zu ihr. Die Familie Boada bietet Marianne Bollack eine 85 Quadratmeter große Wohnung im 1995 erbauten Haus am Wall an.

„Da habe ich große Dankbarkeit verspürt", sagt sie. Bis heute stehen dort ihr Klavier und die Sammlung mit etwa 500 Büchern. Seit 2012 lebt sie nun im Altenzentrum Eggeblick. Auch wenn sie gesundheitlich einiges hat einstecken müssen, geistig ist sie hellwach – und hat dafür eine einfach Erklärung. „Wir sind in der Verwandtschaft alle alt geworden und keiner von uns ist verblödet."

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