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„Müssten Frauen fortschicken“

Hebammen unter Druck

Detlef Hans Serowy

Unter Druck: Die Hebammen Anja Dickgreber (links) und Friederike Scholz protestieren dagegen, dass ihre Arbeit künftig schlechter bezahlt werden soll. Anja Dickgreber hat den kleinen Ole im Arm, der vor drei Tagen im Haller Krankenhaus geboren wurde. - © Foto: Detlef Hans Serowy
Unter Druck: Die Hebammen Anja Dickgreber (links) und Friederike Scholz protestieren dagegen, dass ihre Arbeit künftig schlechter bezahlt werden soll. Anja Dickgreber hat den kleinen Ole im Arm, der vor drei Tagen im Haller Krankenhaus geboren wurde. (© Foto: Detlef Hans Serowy)

Halle. Die Hebammengemeinschaft Halle am Klinikum der Lindenstadt schlägt Alarm. „Unsere Arbeit könnte bald schlechter bezahlt werden“, beklagt Hebamme Anja Dickgreber. Leidtragende wären nicht nur die elf Hebammen. Auch rund 400 Frauen, die jährlich im Klinikum entbinden, könnten die Folgen der Reform zu spüren bekommen. „Wir müssten Frauen in bestimmten Situationen einfach fortschicken“, befürchtet Hebamme Friederike Schulz.

Die Vergütungsregeln für Beleghebammen an Kliniken sollen geändert werden. Zuständig ist der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Während der von einer besseren Qualität in der Betreuung und einer Steigerung der Honorare in der 1:1-Betreuung spricht, sieht der Deutsche Hebammenverband (DHV) die Sache anders. „Am Ende könnten viele Kreißsäle und Geburtsabteilungen in Deutschland schließen", heißt es in einer DHV-Erklärung.

Künftig nur noch maximal zwei Frauen parallel abrechnen

Knackpunkt der geplanten Reform ist die Betreuungsbegrenzung auf maximal zwei Frauen gleichzeitig. „In der Praxis wäre unsere derzeitige Arbeit nicht mehr möglich", sind sich Friederike Scholz und Anja Dickgreber einig. Die Hebammen am Haller Klinikum arbeiten freiberuflich im Schichtdienst. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Betreut werden alle Frauen, die ein Kind bekommen haben, die mit Schwangerschaftsbeschwerden kommen oder vor der Niederkunft stehen.

„Jede Dienstleistung über zwei Frauen hinaus würde nicht mehr bezahlt", betont Anja Dickgreber. Die Pläne sind erst seit Anfang März bekannt und seit April erfassen die Haller Hebammen ihre Dienstleistungen. Eine konkrete Berechnung ist noch nicht möglich, die Frauen rechnen aber mit Einkommensverlusten von 15 Prozent und mehr. Warten zwei Frauen auf die Entbindung und eine Dritte kommt mit Beschwerden, dann kann die künftig nicht mehr abgerechnet werden.

Rund 1800 Beleghebammen arbeiten bundesweit in der klinischen Geburtshilfe. Sie sind jährlich für 140 000 und damit zwanzig Prozent der Geburten in Kliniken verantwortlich. Besser stehen könnten sich nach der Reform Hebammen in Geburtshäusern oder mit Hausgeburten. „Hier findet eine reine 1:1-Betreuung Schwangerer durch die Hebamme statt", so Friederike Scholz. Das sei auch bei Beleghebammen der Fall, die mit Schwangeren zur Geburt in einer Klinik führen und sie bis zur Niederkunft begleiteten.

Die Dienstleistungen der Beleghebammen in Kliniken seien den Kassen offenbar ein Dorn im Auge, vermutet Anja Dickgreber. „Wir betreuen die Mütter nach der Geburt, leisten Ernährungsberatung und Akkupunktur. Mehr als zwei Frauen parallel zu betreuen sei organisatorisch kein Problem. „Wenn eine werdende Mutter auf ihre Geburt wartet, dann kann ich natürlich Frauen auf der Station besuchen", betont die 30-Jährige.

Die Hebammen befürchten, dass sie ihren Beruf künftig als Beleghebammen nicht mehr ausüben können. „Unsere Haftpflichtversicherung steigt in diesem Jahr erneut von 6400 auf 7200 Euro", berichtet Friederike Scholz. Beim Haller Belegsystem fließen die Honorare aller Hebammen in einen Topf und werden dann verteilt. „Deshalb gibt es auch keinen Streit darum, wer eine Geburt betreut", so Anja Dickgreber.

Der Hebammenverband befürchtet, dass das Versorgungsangebot für schwangere Frauen weiter wegbrechen und womöglich deutlich teurer werden könnte. Freiberufliche Beleghebammen könnten es sich mit den neuen Regeln nicht mehr leisten, in Kliniken zu arbeiten.

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