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Gute Nachbarschaft in der Masai Mara

Schreibtisch Savanne für eine Hallerin

Jonas Damme

Keine Berührungsängste: Weder Kristine Meise, noch die Antilope scheinen vom jeweils anderen sehr irritiert. - © Foto: Kristine Meise
Keine Berührungsängste: Weder Kristine Meise, noch die Antilope scheinen vom jeweils anderen sehr irritiert. (© Foto: Kristine Meise)

Halle/Kenia. Vom heimischen Sofa aus erscheint Kenia weit weg. Für Kristine Meise gehört es schon zu den näheren Arbeitsplätzen. Gegenwärtig erforscht die Hallerin im Süden des Landes, wie sich Zebras oder Giraffen gegenseitig vor Feinden warnen. Als Biologin verschlägt es Meise in die ganze Welt. Den Großteil der vergangenen zehn Jahre lebte sie in Hawaii, Namibia und auf den Galapagosinseln. Und ihre Nachbarn waren Seelöwen, Paviane oder Geparden.

Von wegen trockene Savanne: Auch ein Landcruiser kommt mal an seine Grenzen. In der Regenzeit sogar ziemlich regelmäßig. - © Foto: Kristine Meise
Von wegen trockene Savanne: Auch ein Landcruiser kommt mal an seine Grenzen. In der Regenzeit sogar ziemlich regelmäßig. (© Foto: Kristine Meise)

„Ich habe mich immer für das Verhalten von Tieren interessiert", erklärt Kristine Meise. „Und das zu erforschen, ist einfacher, wenn man sie in ihren natürlichen Umfeld erlebt." Wenn das natürliche Umfeld aus einer nicht viel mehr als fußballfeldgroßen, unbewohnten Insel westlich von Südamerika besteht, ist einfach natürlich relativ. Die 33-Jährige aber liebt ihren außergewöhnlichen Beruf.

2014 machte sie ihren Doktor mit einer Arbeit über Seelöwen. Mittlerweile befasst sich die Exil-Hallerin mit den Tieren der Masai Mara. Das Naturschutzgebiet in Kenia schließt sich nördlich direkt an die bekanntere Serengeti an und hat eine Fläche von etwa 1500 Quadratkilometern. Es liegt rund 100 Kilometer östlich des Victoriasees. Im Lebensraum der Massai sind Menschen eher selten. Genau richtig also für die Verhaltensforscherin.

Gute Nachbarschaft in der Masai Mara

Versteht eine Giraffe den Warnruf eines Zebras?

In ihrem aktuellen Projekt erforscht Meise, wie Beutetiere verschiedener Arten miteinander kommunizieren. „Die Frage ist: Versteht eine Giraffe den Warnruf eines Zebras, wenn ein Löwe angreift?", erklärt Meise. Und, tut sie es? „Kann ich noch nicht sagen. Unsere Arbeitsthese ist auf jeden Fall, dass Tiere, die ähnliche Fressfeinde haben, stärker auf Alarmrufe dieser Arten reagieren."

Stellt sich natürlich die Frage, wie man so etwas herausfindet. Fragen wird schwierig sein. Kristine Meises Lösung: »Playbackexperimente«. Die Beutetiere bekommen in freier Wildbahn Aufnahmen von Warnrufen der jeweils anderen Arten vorgespielt. Die Forscherin notiert daraufhin penibel die Reaktion. Und da geht es um Details. Denn, einfach weglaufen würde eine Giraffe genauso wenig wie ein Zebra. „Normalerweise heben sie dann den Kopf und beobachten ihre Umgebung", sagt Meise. Es komme sogar vor, dass die Beutetiere den Raubtieren folgten, um sie im Blick behalten zu können. Denn nur ein unentdeckt angreifender Löwe hat die Chance, ein Zebra zu reißen.

Unbedingt ein Grund, sich zu fürchten: Wenn diese Löwenmutter Angst um eines ihrer Kleinen bekommen sollte, wirds ungemütlich. - © Foto: Kristine Meise
Unbedingt ein Grund, sich zu fürchten: Wenn diese Löwenmutter Angst um eines ihrer Kleinen bekommen sollte, wirds ungemütlich. (© Foto: Kristine Meise)

Täglich war die Haller Biologin von September 2015 bis September 2016 mit ihrem großen Toyota Landcruiser allein in der Masai Mara unterwegs. Sie spielte ihre Warnrufe ab, testete auch die Reaktion auf lebensgroße Fotos von Löwen oder Hyänen, fotografierte und vor allem: beobachtete.

Giraffe ist nun als gefährdet gelistet

Wenn Meise nach den Weihnachtstagen bei Freunden und Familie wieder in den Flieger steigt, geht es aber erst mal nur nach England. Ihr Projekt wird finanziert von den Universitäten von Liverpool und York. In ihrem Büro in Liverpool wertet sie gerade die Ergebnisse der vielen Monate Feldforschung aus. Wenn das geschehen ist, wird die 33-Jährige wieder nach Kenia zurückkehren. Kristine Meise verbringt viel Zeit in der Gesellschaft von Tieren. Dass bedeutet für sie jedoch keinesfalls, dass die Menschen in den vielen Ländern, in denen sie unterwegs ist, sie nicht interessieren. „Durch das Zusammenleben bekommt man ein besseres Gefühl für Land und Leute", sagt sie. „Zu sehen, wie Menschen mit ihrer Umgebung, der Natur, umgehen, ist wichtig, um zu verstehen, welchen Einfluss sie nehmen. Wenn wir ein Ökosystem schützen wollen, müssen wir mit den Menschen dort arbeiten."

Kein Grund sich zu fürchten: So lange der Pavian auf seinem Baum bleibt, ist alles gut. - © Foto: Kristine Meise
Kein Grund sich zu fürchten: So lange der Pavian auf seinem Baum bleibt, ist alles gut. (© Foto: Kristine Meise)

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie wichtig Kristine Meises Grundlagenforschung ist. Gerade machte die Nachricht Furore, dass die IUCN, die die Rote Liste für Tierarten herausgibt, Zebras und Giraffen hochgestuft hat. Die Bestände beider Arten sinken.

Die Giraffe ist nun als »gefährdet« gelistet. Will heißen, wenn sich nichts ändert, wird sie in der freien Natur in absehbarer Zeit ausgestorben sein. Höchste Zeit also, diese unglaublichen Tiere zu verstehen – bevor es zu spät ist.

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Übersehen selten Feinde: Warnen Giraffen auch andere Arten vor Löwen, zum Beispiel Zebras? Diese Frage will Kristine Meise beantworten. - © Foto: Kristine Meise

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