So könnten selbstfahrende Autos das Leben auf dem Land verändern

Wandel der Mobilität: Michael Schramek skizziert, wie autonome Autos das Leben im ländlichen Raum grundlegend verändern werden. Er plädiert dafür, den großen Konzernen nicht allein das Heft des Handelns zu überlassen

SVEN HAUHART

Der Traum jedes Einpark-Schwächlings: Mit der passenden Armbanduhr bringt man sein selbstfahrendes Auto in Zukunft in jede Lücke. Foto: RioPatuca Images/www.fotolia.com - ©RioPatuca Images - stock.adobe.com
Der Traum jedes Einpark-Schwächlings: Mit der passenden Armbanduhr bringt man sein selbstfahrendes Auto in Zukunft in jede Lücke. Foto: RioPatuca Images/www.fotolia.com (©RioPatuca Images - stock.adobe.com)

Borgholzhausen. Ein Vater sitzt mit seinem heranwachsenden Sohn auf einer Wiese und erzählt ihm, wie er seine Mutter kennengelernt hat. Nämlich durch einen leichten Auffahrunfall im Stau. Der Sohn fragt ganz erstaunt, ob der Vater tatsächlich selbst Staus und Unfälle miterlebt hat. Er kennt diese Dinge nämlich nur noch aus Erzählungen. Dass fast jeder Mensch ein eigenes Auto besitzt und dieses Abgase produziert ebenso. Denn Vater und Sohn bestellen sich für den Heimweg ein selbstfahrendes Elektroauto, welches die beiden bedarfsgerecht abholt und nach der Fahrt wieder verschwindet.

Mobilitätsexperte: Michael Schramek. - © Foto: Sven Hauhart
Mobilitätsexperte: Michael Schramek. (© Foto: Sven Hauhart)

Zugegeben. Dies ist die hochglanzpolierte Zukunftsvision für das Jahr 2028 aus einem Werbefilm von Volkswagen. Und Michael Schramek, der diesen Clip im Rahmen seines Vortrags an der Volkshochschule Ravensberg präsentierte, hat ebenfalls ein großes Interesse am Wandel der Mobilitätsgewohnheiten der Menschen. Denn als geschäftsführender Gesellschafter einer Beratungsfirma hat er sich genau auf dieses Thema spezialisiert. Die womöglich vorhandene Skepsis, dass das eingangs geschilderte Szenario für eine Kleinstadt wie Borgholzhausen noch in einer weit entfernten Zukunft liegt, konnte Schramek dennoch glaubhaft zerstreuen.

Denn zum einen haben viele Staaten und auch Autobauer selbst bereits ein Datum für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor festgelegt. Dementsprechend groß sind die finanziellen Anstrengungen und der technologische Fortschritt. „Bereits heute sind die Akkukosten je Kilowattstunde im Vergleich zum Jahr 2010 auf ein Zehntel gesunken", erläuterte Schramek an einem Beispiel, wie der technische Fortschritt die Betriebskosten des Elektroautos deutlich unter die des herkömmlichen Autos drücken werde. Die Reichweite würde ebenfalls stetig steigen. Und auch um ausreichende Elektrizität müsse sich niemand sorgen. „In wenigen Jahren wird so gut wie jede künstlich produzierte Fläche Strom produzieren", prognostizierte Schramek.

Und auch auf dem Feld der computergesteuerten Autos mache die Industrie riesige Fortschritte. „Google hat zum Beispiel in der kalifornischen Einöde eine Kleinstadt nachgebaut und testet dort bereits autonome Autos", erklärte Schramek, dass diese Technologie in wenigen Jahren zur Marktreife gelange.

Dies alles würde das Leben auch in ländlichen Regionen grundlegend verändern. Denn die Technik sei die Voraussetzung, dass nur noch wenige Menschen überhaupt ein eigenes Auto haben wollen. Denn aktuell steht dieses den Großteil des Tages nutzlos herum und verursacht dabei hohe Kosten. „In Zukunft bestellt man sich das Auto, auf das man gerade Lust hat oder das zum aktuellen Bedarf passt", sagte Schramek und warb auch beim sichtlich interessierten Bürgermeister Dirk Speckmann dafür, die Strukturen dafür bereits jetzt zu schaffen. „Wenn Sie es nicht machen, machen es die großen Konzerne für Sie. Noch haben sie ein paar Jahre Zeit", sagte Schramek und verwies darauf, dass „das Potenzial für Carsharing auch heute schon selbst auf dem Land da ist. Es fehlt momentan nur an Angeboten". Diese könnten gerade auch von Ehrenamtlichen geschaffen werden.

Er und seine Mitstreiter haben ein solches Angebot in ihrer Heimatgemeinde in Hessen bereits eingerichtet (siehe Infokasten). Natürlich müsse die Skepsis der Menschen, auf ein eigenes Auto zu verzichten, erst überwunden werden. Sei dies aber erst geschafft, würde den Leuten klar, dass sie zum einen viel Geld sparen sowie etwas für die Gemeinschaft und die Umwelt tun würden, so Schramek, der selbst seit drei Jahren kein eigenes Auto mehr besitzt.

Info
Vorfahrt für Jesberg

Dass Carsharing bereits heute auch auf dem Land und in Eigeninitiative funktionieren kann, zeigt die nordhessische Gemeinde Jesberg. In dem 2500-Seelen-Ort zwischen Kassel und Marburg gibt es den 2016 von Michael Schramek gegründeten Verein »Vorfahrt für Jesberg«.

Insgesamt zehn Mobilitätsangebote vom Auto bis zum Elektrofahrrad bietet der Verein nicht nur seinen Mitgliedern an.

Gerade das oftmals wenig genutzte Zweitauto könne so ersetzt werden. „Familien brauchen nur einen PKW und sparen so rund 4000 Euro im Jahr", erläutert Schramek den neben dem Umweltschutz wohl größten Vorteil von gemeinschaftlich genutzten Autos.

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