Martina Bergmann war Assistentin der heutigen Kulturministerin Frankreichs

Andreas Großpietsch

Gute Erinnerungen: Die hat Martina Bergmann an ihre Zeit im Verlag Actes Sud und an ihre frühere Chefin. - © Andreas Großpietsch
Gute Erinnerungen: Die hat Martina Bergmann an ihre Zeit im Verlag Actes Sud und an ihre frühere Chefin. (© Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Der Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich hat auch langjährige Kenner des europäischen Nachbarlandes überrascht. Sein Ansatz, auch politische Laien in die Regierungsarbeit einzubinden, indem sie Plätze im Parlament oder gar im Kabinett bekommen, wird von vielen Menschen mit Interesse und manchmal sicher auch mit Skepsis betrachtet. Aus Sicht der Borgholzhausener Buchhändlerin ist die Personalie Françoise Nyssen mit Abstand am interessantesten.

Die persönliche Begegnung der beiden Frauen liegt schon einige Jahre zurück. Genauer gesagt war es das Jahr 2001, als sich Martina Bergmann erfolgreich um einen Job als Lektoratsassistentin beim Verlage Actes Sud in Arles bewarb. „Es war eine extrem spannende Zeit für mich", sagt die Geschäftsfrau, die ihre Laufbahn nach der Schule mit einer Lehre als Verlagshuchhändlerin im renommierten Rowohlt-Verlag in Reinbek bei Hamburg begonnen hat. „Da habe ich gelernt, Bücher zu machen", sagt Martina Bergmann. Die Ausbildung zu dem Beruf, der heute unter der Bezeichnung Medienkauffrau weiterlebt, schloss sie sogar als Jahrgangsbeste ab.

Doch während andere frisch gebackene Verlagsbuchhändler ihre Laufbahn mit einem (oft sehr schlecht bezahlten) Anschlussjob bei renommierten Verlagen in großen Städten fortsetzten, hörte die Borgholzhausenerin auf den Tipp einer erfahrenen Rowohlt-Kollegin, die den Verlag in der Provinz empfahl.

„Dort bekam ich ein Gehalt, mit dem ich meinen Lebensunterhalt in Südfrankreich bestreiten konnte", erinnert sich Martina Bergmann an einen der vielen Unterschiede, die den Verlag Actes Sud ausmachen. Die vermutlich wichtigste ist sein Sitz in der Provinzstadt Arles. Frankreich ist ein sehr zen-tralistisches Land und so sind auch geschätzt mehr als 90 Prozent aller Verlage in Paris, im Stadtteil St. Germain, zu finden.

Der Vater der heutigen Kulturministerin stammt aus Belgien und wagte ganz bewusst abseits der französischen Hauptstadt ab dem Jahr 1977 den Versuch, anspruchsvolle Bücher zu verlegen. Und, gerade in Frankreich mindestens genauso ungewöhnlich: Sein Verlag setzt auf ausländische Gegenwartsliteratur.

Kultur war in Frankreich wichtiges Wahlkampfthema

„Actes Sud hat den größten Katalog mit übersetzter deutscher von aktuellen Autoren in Frankreich", sagt Martina Bergmann. Ihre Aufgabe als Lektoratsassistentin war es, geeignete deutsche Bücher zu finden, die übersetzt auch auf dem sehr speziellen französischen Markt bestehen konnten. Mit der von ihr betreuten »Geschichte eines Deutschen« von Sebastian Haffner funktionierte das einigermaßen.

„Doch »Das Weltwissen der Siebenjährigen« war ein ziemlicher Flop", kann die heute selbst als Verlegerin in der deutschen Provinz tätige Fachfrau schmunzelnd zugeben. Das ungewöhnliche Erziehungsbuch war in Deutschland durchaus erfolgreich, doch die Sicht auf die Kindererziehung ist im Nachbarland wie so vieles deutlich anders als hierzulande und deshalb fand das Werk dort auch nur wenig Interesse.

Das Thema Kulturpolitik dagegen spielte im französischen Wahlkampf eine große Rolle. Befürchtungen, Macron würde als kühler Rechner auftreten und auf diesem Feld sparen wollen, trat der Präsident mit der Ernennung von Françoise Nyssen geschickt entgegen. Seine Regierung will auf dem Feld der Kulturpolitik sogar eine ganz neue Idee umsetzen: So soll jeder Franzose zum 18. Geburtstag eine Art Kulturscheck im Wert von 500 Euro erhalten, der für verschiedenste Aktivitäten auf diesem Gebiet genutzt werden kann.

Der Verlag Actes Sud zählt heute in Frankreich zu den besonders renommierten Unternehmen. Seine Stärke ist es bis heute, ausländische Literatur übersetzen und den Franzosen zugänglich zu machen. Zum Programm zählen die Werke vieler anerkannter Autoren, darunter Paul Auster und Nancy Houston sowie die Nobelpreisträger Imre Kertész und Swetlana Alexijewitsch.

Und da Frankreich Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse sein wird, darf man einen Besuch der französischen Kulturministerin dort ziemlich sicher erwarten. Dass sie dort mit ihrer ehemalige Mitarbeiterin zusammentrifft, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

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