Jungwähler haben viele gute Fragen

Podiumsdiskussion in der PAB-Gesamtschule

Andreas Großpietsch

Podiumsdiskussion: Die beiden Moderatoren Joana Kuska und Leon Rother (stehend) leiteten souverän die Gesprächsrunde mit den Landtagskandidaten – von links: Birgit Ernst (CDU), Georg Fortmeier (SPD), Dr. Björn Kerbein (FDP) und Wibke Brems (Grüne). - © Foto: Andreas Großpietsch
Podiumsdiskussion: Die beiden Moderatoren Joana Kuska und Leon Rother (stehend) leiteten souverän die Gesprächsrunde mit den Landtagskandidaten – von links: Birgit Ernst (CDU), Georg Fortmeier (SPD), Dr. Björn Kerbein (FDP) und Wibke Brems (Grüne). (© Foto: Andreas Großpietsch)

Borgholzhausen. Mit der Jugend von heute ist nicht viel Staat zu machen: Sie ist unpolitisch und an aktuellen Entwicklungen nicht interessiert – so weit das gängige Vorurteil. Die Realität war gestern Morgen in der Aula der PAB-Gesamtschule in Borgholzhausen zu bestaunen. Dort hatten die Schülerinnen und Schüler vollkommen eigenständig eine Podiumsdiskussion mit den Landtagskandidaten organisiert. Joana Kuska und Leon Rother fühlten ihnen gekonnt auf den Zahn, während die restlichen Mitglieder der Jahrgangsstufen 11 und 12 interessiert zuhörten und Fragen beisteuerten.

Die 13er waren nicht dabei, obwohl sie sicherlich auch großes Interesse gehabt hätten. „Die schreiben heute die Abiturarbeit in Mathe“, wusste Schulleiterin Ursula Husemann als Erklärung. Doch auch so war die Aula gut gefüllt und Fragen fanden sich mehr als genug. Sogar gewählt hat die Oberstufe schon. SPD 37 Prozent, CDU 21, Grüne 20 und FDP um die 2 Prozent – so lautet das Ergebnis. Die Abstimmung soll jetzt noch einmal durchgeführt werden.

Auf diese Weise soll ermittelt werden, wie der Auftritt der Kandidaten das Wahlverhalten beeinflusst hat. Die Veranstalter beschränkten sich auf jene Parteien, die Chancen auf einen Einzug ins Landesparlament haben. Bewusst verzichtet wurde auf die AfD, die zumindest in der Wählergunst der PAB-Schüler ganz weit hinten liegt: Nur 0,8 Prozent von ihnen entschieden sich für die Nationalisten.

Info

Nazis mögen keine Bienen

• Vielfältig aktiv sind die Schülerinnen und Schüler der PAB-Gesamtschule ohnehin. Doch einige von ihnen leisten noch mehr: Sie leiten die nachhaltige Schülergenossenschaft PAB association eSG. Die handelt mit Honig sowie Apfelsaft aus eigener Produktion.

• Marius Gaesing ist Vorstand der Genossenschaft, Leon Rother ihr Verwaltungsleiter. Und Joana Kuska ist die Abteilungsleiterin Marketing. Anlässlich der GenoGenial 2016 wurde die Piumer Genossenschaft mit dem 1. Preis für den Regierungsbezirk Detmold ausgezeichnet. Deswegen gab es die Podiumsdiskussion.

• Denn der Preis war ein Seminar in Düsseldorf, bei dem die Vorbereitung und Durchführung einer solchen Veranstaltung gelehrt wurde. Schulleitung und Lehrer konnten sich weitgehend zurücklehnen – ihre Schüler hatten alles im Griff.

• Etwas getrübt wird die Freude durch ein Vorkommnis in den Osterferien. Unbekannte machten sich auf der Wiese hinter der Schule zu schaffen und kippten dabei gleich mehrere der Bienenkörbe um. Außerdem beschmierten sie die Wände in diesem abgeschirmten Winkel mit Hakenkreuzen. Offenbar mögen die Nazi-Anhänger keine Bienen.

Eingangs durften die Kandidaten sich, ihre Partei und deren Programm vorstellen. Allesamt weisen sie interessante Biografien auf, die nicht von vornherein auf das Berufsziel Profipolitiker hindeuteten. Und ganz so weit liegen die Parteien auf dem Podium bei vielen Themen auch gar nicht auseinander. „Wenn wir nicht glauben würden, es ein wenig besser machen zu können, brauchten wir gar nicht anzutreten“, sagte Birgit Ernst. Die CDU-Politikerin und ihre Mitbewerber offenbarten große inhaltliche Unterschiede in einem Bereich, der die Gesamtschulen scheinbar nur am Rande berührt: Die Frage, ob Gymnasiasten das Abitur in der Regel nach 12 oder nach 13 Schuljahren machen sollten, nahm breiten Raum in der Diskussion ein.

Dr. Björn Kerbein (FDP) plädierte dafür, den Gymnasien selbst die Wahl zwischen G 8 und G 9 zu lassen und ihnen auch zu ermöglichen, beides an einer Schule anzubieten. Ähnlich, aber in den Details unterschiedlich ist der Vorschlag der Grünen, die eine individuelle Lernzeit fordern und vor allem die Mittelstufe entlasten wollen.

Die Diskussion um das Turbo-Abi ist für alle Parteien schwierig, denn sie fiel recht einstimmig und jetzt sehen sich alle mit anhaltender Kritik konfrontiert. Die CDU will Gymnasien erlauben, sich grundsätzlich zwischen G 8 und dem alten G 9 zu entscheiden, während die SPD dafür plädiert, die Entscheidung in die Oberstufe zu verlagern, die nach Wunsch der Schüler in zwei oder eben in drei Jahren durchlaufen werden kann.

Alle Kandidaten waren für die Inklusion, beurteilen sie aber als mehr oder deutlich weniger gelungen. Wibke Brems und Georg Fortmeier finden es zu früh für ein abschließendes Fazit, erkennen aber Bedarf, an der „Generationenaufgabe“ weiter zu arbeiten. Kritisch beurteilte Dr. Kerbein die aktuelle Lage, doch sprach er sich grundsätzlich dafür aus, dass Eltern die Wahlmöglichkeit zwischen Inklusion und Förderschule erhalten bleiben soll.

Unterschiede offenbarten sich besonders deutlich auch im Bereich Klimapolitik. Während die Grünen für einen rascheren Ausstieg aus der Kohleverstromung sind, sprachen sich die übrigen Parteien dafür aus, nicht zu rasche Fortschritte auf dem – von allen – als richtig anerkannten Weg hin zu erneuerbaren Energien zu erwarten.

Ein weiteres schwieriges Thema war der öffentliche Personennahverkehr. Als teuer und unbefriedigend wird die aktuelle Situation bei Bus und Bahn im Lande gesehen. Doch Verbesserungen zu erreichen, bedeute, dicke Bretter zu bohren.

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