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Romanze mit dem Fräulein vom Amt

HK-Serie: Pium und der Kalte Krieg

Andreas Großpietsch

Im Hafen der Ehe: Gila van Delden, das ehemalige Fräulein vom Fernmeldeamt Bielefeld, und Han van Delden, der Zeitsoldat aus der Nato-Raketenstation in Borgholzhausen. - © Foto: HK
Im Hafen der Ehe: Gila van Delden, das ehemalige Fräulein vom Fernmeldeamt Bielefeld, und Han van Delden, der Zeitsoldat aus der Nato-Raketenstation in Borgholzhausen. (© Foto: HK)

Borgholzhausen. Beim früheren Feind: Der Zweite Weltkrieg, der die Beziehungen zwischen Deutschland und Holland vergiftete, lag gerade 20 Jahre zurück, als die Holländer nach Borgholzhausen kamen. Trotzdem war das Verhältnis gut.

Für die damalige Zeit modernste Computertechnik brachte der Raketenstützpunkt Anfang der 60er-Jahre nach Borgholzhausen. Über Standleitungen und Funk war die Verbindung von der Abschussbasis auf dem Sundern und der Steuerungseinheit auf dem Hollandskopf mehrfach für den Ernstfall abgesichert. Wenn die rund 400 niederländischen Nato-Soldaten allerdings in ihre Heimat telefonieren wollten, waren sie auf den damaligen Stand der lokalen Telefontechnik angewiesen. Und der war in der Bergstadt ziemlich ernüchternd.

Noch heute halten einige Borgholzhausener an ihren liebgewonnenen dreistelligen Telefonnummern fest. 1965, als sich die Romanze zwischen dem »Fräulein vom Amt« und dem Zeitsoldaten Han van Delden anbahnte, brauchte man wohl noch keine längeren Nummern. Die wenigen »Selbstfernwählapparate« waren nicht weit verbreitet. Gleichwohl stellten sie die Verbindung zur Außenwelt dar – allerdings recht eingeschränkt.

Ferngespräche konnten nur nach Halle und Werther selbst gewählt werden

Wählte man damals in Borgholzhausen die »8« vor, landete man im Telefonnetz der Stadt Halle, mit einer »9« in dem von Werther. Für alle darüber hinausgehenden Wünsche musste man die »0« wählen – und kam unweigerlich im Fernmeldeamt in Bielefeld an. Dort hatte man in aller Regel eines der fast sprichwörtlichen »Fräuleins vom Amt« an der Leitung. Die konnte man um Auskunft ersuchen oder ihnen den Wunsch nach einem Ferngespräch vortragen. Mit der Hand stöpselten sie die Kabel so ein, dass der Telefonanruf dann an die gewünschte Stelle in Deutschland geleitet wurde. Oder sogar ins Ausland, wie zum Beispiel nach Holland.

Das Lachen und die Tränen: Im November 2001 erschien dieser Rückblick auf die Geschichte der 120. Squadron der Königlichen Luftmacht der Niederlande in Borgholzhausen. - © Foto: HK
Das Lachen und die Tränen: Im November 2001 erschien dieser Rückblick auf die Geschichte der 120. Squadron der Königlichen Luftmacht der Niederlande in Borgholzhausen. (© Foto: HK)

Und sehr oft, wenn von der Nato-Station in Pium aus Gespräche in die Niederlande angemeldet wurden, landeten die Anrufer bei Fräulein Gisela. Die stammte aus einer Bielefelder Familie von Postbeamten und absolvierte eine Ausbildung beim Fernmeldeamt. Vor allem aber beherrschte sie die holländische Sprache fast perfekt. Der Grund dafür war indirekt ebenfalls die Nato-Station in Borgholzhausen.

Denn als blutjunge Schülerin pflegte besagte Gisela eine Beziehung, wie man es heute nennen würde, zu einem niederländischen Soldaten, der in der englischen Kaserne in Bielefeld stationiert war. Sein Auftrag dort war die Begleitung der umfangreichen Bauarbeiten zu Errichtung der Borgholzhausener Raketenstellung. Als dieser Soldat wieder in seine Heimat versetzt wurde und der Briefkontakt wegen der Sprachschwierigkeiten immer spärlicher wurde, beschloss die junge Frau, im Selbststudium Holländisch zu erlernen.

„Dazu kaufte ich mir ein Lehrbuch, etwas anderes gab es ja nicht. Und für die Aussprache hörte ich immer Radio Hilversum", erzählt sie. Die Sache mit dem Erlernen der Sprache klappte, die mit dem Aufrechterhalten der Fernbeziehung nicht. Die Sprachkenntnisse wussten allerdings ihre Kolleginnen zu schätzen und leiteten alle Gespräche aus der Piumer Kaserne zum Arbeitsplatz ihrer jungen Kollegin weiter. Und die hörte eines Tages die Stimme eines jungen Mann namens Han van Delden in ihren Kopfhörern.

Beide fanden sich offenbar sympathisch und so wurde daraus rasch ein erstes Treffen, dann über einige Umwege eine Liebesbeziehung und schließlich eine eheliche Gemeinschaft. „Das ging alles ganz schnell", sagt Gila van Delden. Und ihr damaliger Ehemann erinnert sich: „Ich habe nur vier Monate in der Kaserne gewohnt. Weil ich geheiratet hatte und meine Frau schwanger war, durfte ich mit ihr außerhalb des militärischen Bereichs leben", sagt er. In Theenhausen fand die junge Familie eine eigene Wohnung und sie waren bei weitem nicht das einzige niederländisch-deutsche Paar, das sich gefunden hatte.

Der neue Job bot ein gutes
Gehalt und Benzingutscheine

„Es war eine schöne Zeit", sagt Han van Delden rückblickend über seinen Dienst in Borgholzhausen. Als junger Mann war er zur See gefahren, doch als dort die Arbeit knapp wurde, bot sich ihm eine neue Chance in der Armee, die er gern ergriff. Er verpflichtete sich für vier Jahre. Der neue Job bot ein relativ gutes Gehalt und Vergünstigungen wie zum Beispiel Benzingutscheine, so dass sich das junge Paar auch ein großes Auto leisten konnte, was Ende der 60er-Jahre noch lange nicht zum Standard gehörte.

„Ich arbeitete im Bereich der Telefonanlagen. Damals war alles noch neu und wir hatten nicht besonders viel zu tun", erinnert Han van Delden sich. So blieb trotz Frau und Kind Zeit für die Fortbildung. Der junge Zeitsoldat entschied sich für das damals noch neue Gebiet des Programmierens von Computern. In Amsterdam erlernte er das Programmieren dieser Geräte und fand in Bielefeld bei IBM eine erste Anstellung in diesem Bereich. Acht Jahre blieb er beim damals weltweit führenden Computerkonzern, ehe er einen neuen Arbeitgeber suchte. „Mit meinen Kenntnissen konnte ich überall anfangen", sagt Han van Delden. Er entschied sich für den Bielefelder Textil-Spezialisten JAB Anstoetz, in dessen Diensten er das nächste Vierteljahrhundert bis zum Ruhestand bleiben sollte. Bis heute fühlt er sich in Theenhausen wohl. „Als wir damals dort hinzogen, wohnten schon vier bis fünf weitere Soldatenfamilien dort."

Als Besatzungssoldat habe er sich nie gefühlt, sagt Han van Delden. Das Verhältnis von Niederländern und Deutschen in Borgholzhausen war erstaunlich unverkrampft angesichts der doch recht massiven militärischen Präsenz unmittelbar am Ortsrand. Es gab niederländische Fußballer, die beim TuS Solbad kickten, und es gab sogar einen niederländischen Schützenkönig, der den Thron der Borgholzhausener Grünröcke für sich eroberte.

Und vor allem gab es viele Beziehungen zwischen jungen niederländischen Soldaten und deutschen Frauen. Nicht wenige endeten in einer Heirat und einige dieser Verbindungen haben sich bis heute bewährt. Für die van Deldens lief es nicht so glücklich, sie trennten sich nach einigen Jahren. Über diesen Teil der Geschichte wurden sogar Bücher veröffentlicht, deshalb muss er sie hier nicht erzählen. Wichtiger ist da schon Han van Deldens Fazit: „Ich habe keine Sekunden darüber nachgedacht, in meinem Ruhestand wieder nach Holland zu ziehen."

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