Viel mehr als »nur 'ne Moment«

28.11.12
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Von Silke Derkum     Versmold. Er lässt ganz tief in seine Seele blicken. Gibt intime ebenso wie unterhaltsame Details aus seinem Leben preis. Und das Publikum honoriert es. Schweigt hier erschüttert, bricht dort in lautes Lachen aus und bedankt sich am Ende mit stehendem Applaus. Der Auftritt von BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, der in der Hauptschulaula seine Autobiografie »Für ‘ne Moment« vorstellte, ist ein Erlebnis. Und da es schwer ist, kritische Distanz zu wahren, wenn man über sein eigenes Jugendidol schreibt, ist dies keine objektive Konzertkritik, sondern auch ein Fan-Bericht.

Eine Dreieinhalb-Stunden-Lesung, und zwar eine ohne Längen - das muss ihm erst mal einer nachmachen. 375 erwartungsvolle Zuschauer - eingefleischte BAP-Fans gemischt mit Musikfreunden, die der bekannte Name angelockt hat - sind in die Hauptschulaula gekommen, die innerhalb von drei Tagen ausverkauft gewesen war.

Der Kölner betritt mit Schiebermütze, Jeans und weißen Turnschuhen dynamischen Schrittes die Bühne, sagt lächelnd „Versmold - jetzt weiß ich auch, wo das liegt” und legt sofort los. »Für ‘ne Moment« heißt das erste Stück, das der Autobiografie den Namen gab. Mit umgehängter Gitarre und einer Mundharmonika, die er mit einem Halter um den Hals geschnallt hat, steht Niedecken vorm schwarzen Bühnenvorhang.

»All meine Gedanken, all meine Gefühle habe ich, solange ich denken kann, ausgelebt in unserer eigenen Sprache« heißt es, übersetzt aus dem Kölschen, in dem Lied. Und seine „eigene Sprache” können in diesem Moment wohl nur die verstehen, die den Liedtext ohnehin schon kennen. Für die meisten ostwestfälischen Besucher bleibt der Inhalt zunächst ein Buch mit sieben Siegeln.

Macht aber nichts, denn die Textpassagen, die Niedecken aus seinem Buch liest, sind auf Hochdeutsch. Ohne Überleitung setzt er sich mit Gitarre vorm Bauch auf einen Barhocker am bereitgestellten Stehtisch, setzt die Lesebrille auf und liest aus dem ersten Kapitel seiner Biografie. Über sein Studium der Malerei in Köln Anfang der 70er-Jahre und seinen einjährigen Studienaufenthalt bei dem Pop-Art-Künstler Larry Rivers in New York. »Helfe kann Dir keiner« entstand damals dort. Und das erste Lied, das Niedecken in kölschem Dialekt zu Papier gebracht hat, ist das zweite Stück, das an diesem Abend in der Aula erklingt.

Die alten BAP-Fans nicken im Takt mit den Köpfen. »Darf man bei einer Lesung mitsingen?« fragt sich manch einer. Denn das hier ist keine vierstündige Party, wie sie die BAP-Musiker einst auf ihren Konzerten mit den Fans gefeiert haben und an deren Ende Band und Publikum schweißnass, erschöpft und heiser die riesigen Konzerthallen verließen. Wolfgang Niedecken, der in den 80er-Jahren Stadien mit 80 000 Menschen zum Kochen brachte, liefert nun Akustikmusik zum Zuhören und Genießen. Doch wenn es auch nicht zu hören ist: Beim Blick ins Publikum sieht man viele Lippen, die die Worte des Textes formen.

Erschüttertes Schweigen hingegen macht sich bei Niedeckens schonungslosem Bericht über seine Leidensjahre als Internatsschüler breit. Bis ins kleinste Detail beschreibt er Demütigungen und körperliche Misshandlungen durch seinen Erzieher und Lehrer Pater L., die in sexuellem Missbrauch münden. »Nie met Aljebra« vom Soloalbum »Schlagzeiten« ist das Lied, das die Empfindungen über diese Zeit musikalisch zusammenfasst.

Wer BAP-Konzerte kennt, weiß, dass der Kölner auf der Bühne gerne ausführlich erzählt, seine Lieder ankündigt und erklärt. Bei dieser musikalischen Lesung weicht er hingegen so gut wie gar nicht vom Skript ab. Überleitungen zwischen Liedern und Texten gibt es nicht, es fallen nur wenige Sätze, die nicht aus dem Buch abgelesen werden. Trotzdem herrscht eine persönliche, herzliche Atmosphäre zwischen Künstler und Publikum.

Denn seine offene und unprätentiöse Art, die Wolfgang Niedecken auch abseits der Bühne beibehält, spricht aus jeder Geste und jedem Satz, den er liest. So gibt er genüsslich selbstironisch zum Besten, wie er mit Musikerkollegen auf Tour einst ein Hotelzimmer ummöblierte, oder wie eine gemeinsame Party auf dem Hoteldach mit den »Toten Hosen« scheiterte, weil die Punkband nicht am Portier vorbeikam.

 

 

Eine Hymne mit Tiefgang wird zum Volks-Lied

Dann wird es wieder ernst. Niedecken erzählt vom Tod seines Vaters, zu dem er zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis hatte, das sich in unzähligen Liedern wiederfindet. Josef Niedecken hat die Band seines Jüngsten nie auf der Bühne gesehen. Zu viel Sprachlosigkeit herrschte zwischen Vater und Sohn. Und die überwindet Niedecken erst mit einem Lied, das er über ihr Verhältnis schreibt. „Dabei war ich meinem Vater näher als je zuvor”, sagt er. Das Ergebnis ist BAPs bekanntester Song »Verdammt lang her«. Dass die wenigsten Leute, die den Refrain auf Partys laut mitsingen, wissen, worum es darin geht, störe ihn nicht, wird Niedecken am nächsten Morgen beim HK-Gespräch im Altstadthotel sagen. Es sei doch eine Ehre, wenn ein Lied zum Volks-Lied wird.

Unter den Zuhörern in der Hauptschulaula ist nun niemand mehr, der nicht den tief gehenden Hintergrund des Hits kennt. Mit seiner Akustikgitarre schafft Niedecken es, den kraftvollen Rhythmus der Hymne auch als Einmannband rüberzubringen. »Verdamp lang her« als Hörgenuss, das hat was. Und wenn das Publikum auch nicht wie früher den Refrain laut mitgrölt, so gibt es in den Zuschauerreihen doch kaum einen Kopf oder einen Fuß, der nicht im Takt wippt, und kaum einen Mund, der die bekannten Zeilen nicht leise mitsingt.

 
 
 
 
 


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