Überflieger »made in Werther« |
11.07.12 |
![]() Von Anja Hanneforth
¥ Werther.Wenn Anfang August die deutschen Springreiter bei den Olympischen Spielen in London um die Medaillen kämpfen, sind auch Wertheraner im Parcours dabei: Hosen, Hemden und Sakkos der Firma Pikeur nämlich, die inzwischen im 40. Jahr die deutsche Equipe ausstattet. Einer von ihnen ist Philipp Weishaupt. Der 26-jährige Bereiter im Stall von Ludger Beerbaum weiß erst seit dem vergangenen Wochenende, dass er in London reiten wird. „Ich freue mich riesig”, sagte er gestern anlässlich einer Pressekonferenz bei Pikeur inWerther.Und formuliert ein klares Ziel: „Eine Medaille mit der Mannschaft zu holen wäre großartig. Und von Gold zu träumen ist ja nicht verboten.” Von Übermut jedoch keine Spur: „Ich bin mir wohl bewusst, wie schnell es auch schiefgehen kann.”
Dabei sind die sportlichen Leistungen von Philipp Weishaupt tadellos. Mit seinem Hengst »Monte Bellini« hat er am Wochenende beim großen Turnier in Aachen das Ticket für London gelöst. „Ein tolles Gefühl”, beschreibt er den Moment, als ihm Bundestrainer Otto Becker das Okay gab - und er im Nationenpreis nicht mehr antreten musste, sondern diesen entspannt von der Tribüne aus verfolgen durfte. „Sonst wäre der Druck enorm gewesen”, weiß er. Denn ins deutsche Nationalteam zu kommen sei in Anbetracht der vielen guten Reiter im Land enorm schwierig. Federleicht fiel ihm daher gestern der Pressetermin bei Pikeur in Werther, bei dem er die offizielle Kleidung der Springreiter präsentierte. Rotes Reitjackett, weißes Hemd und weiße Hose für den Parcours, dazu grau-braune Arbeits-Reithosen, Polo-Hemden, Shirts, Fleece-Jacken und Caps für die Zeit vor und nach den Prüfungen. Alles wind- und wetterfest, leicht, hochelastisch und atmungsaktiv. „Die Reiter sollen sich schließlich aufs Reiten und nicht auf die Kleidung konzentrieren”, sagt Pikeur-Vertriebsleiter Hans-Georg Johannsmann und lacht. Vor 40 Jahren, als das Unternehmen aus Werther bei den Olympischen Spielen in München erstmals die Springreiter ausstattete, hätte das noch anders ausgesehen. Die Stoffe zwar wie heute funktionell, aber härter und längst nicht so ausgereift, „das war, als ob man in einem Korsett saß”, blickt er zurück. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein. Wer allerdings glaubt, die Ausstattung von Olympioniken wäre eine einfache Angelegenheit, irrt. „Olympia ist für uns eine mindestens so große Herausforderung wie für die Reiter”, betont Johannsmann. Bereits im vergangenen Herbst begannen in Werther die Planungen für die Olympia-Kollektion. Ein halbes Dutzend Mitarbeiter war intensiv damit befasst, hat Ideen gesammelt, Entwürfe zu Papier gebracht, Wünsche von Reitern eingeholt, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei eingebunden - und den Deutschen Olympischen Sportbund. Der hat in Sachen Kleidung nämlich viel zu sagen. Muster mussten hingeschickt und das Okay abgewartet werden. Denn was kaum jemand weiß: Die Kleidung von Sportlern, Offiziellen, Pflegern und Betreuern bei Olympia darf lediglich an einer einzigen Stelle den Produktnamen tragen. So steht »Pikeur« aufgestickt über dem Bundesadler auf dem Jackett, taucht aber weder auf den Knöpfen noch Reißverschlüssen oder im Innenfutter auf. „Für uns bedeutet das einen enormen Mehraufwand”, so Johannsmann. Üblicherweise würden Dinge wie Knöpfe in riesigen Mengen angefertigt. Je weniger man brauche, desto teurer wäre das Produkt. 100 000 Euro lässt sich Pikeur jedes Jahr die Ausstattung des Nationalkaders kosten. Entwicklungskosten nicht mitgerechnet. „Aber natürlich erfüllt es uns auch mit Stolz, allein zum elften Mal die Springreiter bei Olympia auszustatten”, freut sich Johannsmann jetzt, da die Hauptarbeit geschafft ist. Er selbst wird nicht in London dabei sein, „aber Firmenchef Klaus Brinkmann fährt hin”, weiß er. Dieser wird nicht nur die deutschen Springreiter in Pikeur-Kleidung erleben. Auch die Ausstattung der Teilnehmer im Modernen Fünfkampf stammt aus Werther, zudem tragen die holländischen Dressur- und Springreiter, die französischen Vielseitigkeitsreiter und die französische Dressurreiterin Jessica Michel Mode »made in Werther«. Für Philipp Weishaupt und die vier anderen deutschen Springreiter geht es Ende des Monats in ein dreitägiges Trainingslager nach Warendorf und von dort mit der Fähre ins Zwischenquartier nach Hickstead. Am 4. August steht dann die erste Prüfung in London an, die Vergabe der Mannschaftsmedaillen erfolgt am 6. August, die Einzelwertung steht am 8. August an. „Jetzt heißt es für uns erst einmal hoffen, dass die Pferde gesund bleiben”, so Philipp Weishaupt. „Dann werden wir in London unser Bestes geben. Mal sehen, was am Ende dabei herauskommt.” |
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