Echter Steinhäger kommt immer aus Steinhagen

16.02.12
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von Juergen Wohlgemuth     Steinhagen. Steinhäger aus Steinhagen? Das gibts doch gar nicht! Selbst viele Steinhagener wissen nicht, dass in Steinhagen nach wie vor Steinhäger produziert wird. Von den früher einmal 20 Brennereien sind heute noch zwei geblieben. Denn: Überall, wo Steinhäger draufsteht, kommt der Inhalt aus Steinhagen. Das ist sogar Gesetz.

H. W. Schlichte Brennerei

Eine der größten Brennereien war einst die H. C. König-Brennerei an der Brockhagener Straße. Hinter der heute denkmalgeschützten Fassade produziert die H. W. Schlichte Steinhäger- und Kornbrennerei GmbH & Co. KG - früher der größte Konkurrent von König, und Mitte der 1980er Jahre kurzzeitig sogar Fusionspartner.

Schlichte produziert derzeit rund 600 000 Flaschen Schlichte-Steinhäger und Schlichte-Urbrannt pro Jahr. In Steinhagen wird nicht nur das Destillat hergestellt, sondern das komplette Produkt. Es wird nur noch in Tankwagen verfüllt, um dann nach Rinteln transportiert zu werden. Bei der Firma Schwarze wird der Schlichte-Steinhäger in grüne Glas- und braune Tonflaschen abgefüllt, der Urbrannt in salzlasierte Tonkrüge.

Weitere Mengen - etwa doppelt sov iel - verkauft H. W. Schlichte an die Traditionsbrennerei Heydt in Haselünne. Heydt vertreibt den Original Schinkenhäger. Der ist überwiegend in Norddeutschland verbreitet, während es den Schlichte-Steinhäger vor allem in Süddeutschland gibt.

Doch darüber hinaus wird Steinhäger nach wie vor weltweit getrunken. „Steinhäger wird in alle fünf Kontinente geliefert”, sagt Rainer Scharmann, Geschäftsführer der H. W. Schlichte Steinhäger- und Kornbrennerei. Vor allem nach Südamerika - speziell nach Argentinien und Brasilien. Alle drei Monate gingen etwa 16 000 Flaschen dorthin, weiß Scharmann.

Doch an die Zahlen der Glanzzeiten kommt der Steinhäger heute nicht mehr ran. Aus dem einstigen Massenprodukt (neun Millionen Flaschen im Wirtschaftsjahr 1938/39, mehr als 1 000 Beschäftigte in der Steinhäger-Industrie ) ist längst ein Nischenprodukt geworden. Eine Spezialität.

Und die wird nach wie vor von einem Spezialisten hergestellt. Reinhard Nollmann arbeitet seit 45 Jahren in der Steinhäger-Produktion. Zuerst für König, inzwischen für Schlichte. Je nach Bestellung von Heydt oder Schwarze arbeitet Nollmann mehrere Tage in der Brennerei an der Brockhagener Straße.

In einer Brennblase schafft er in eineinhalb Tagen 8 500 Liter Fertigware. Nimmt er drei Brennblasen in Betrieb, in denen das Gemisch aus Wacholderlutter, Alkohol, Kornsprit und Wasser zur Destillation gebracht wird, bringt er es auf rund 26 500 Liter. Ein Tanklastwagen fasse 24 500 Liter. Letzte Woche hatte Heydt eine Wagenlieferung abgeholt, derzeit wartet Nollmann auf die nächste Order.

Fürstenhöfer Brennerei

Der zweite Betrieb, der nach wie vor in Steinhagen produziert, ist die Brennerei zum Fürstenhof hinter dem Bahnhof. Robert H. Günther hatte die Brennerei 1912 gegründet und den »echten Steinhäger« unter der Bezeichnung »Stammgast« vertrieben. Seit 1955 gehört das Unternehmen zur Firma Wilhelm Kisker in

Halle.
Dort wird der Steinhäger auch abgefüllt und verpackt. Gebrannt wird er aber - wie es das EU-Gesetz will - in
Steinhagen.

Historisches Museum

Nicht wirklich eine Brennerei, aber zumindest eine Produktionsstätte mit Brennrecht ist das Historische Museum. Dort steht die Brennanlage der ehemaligen Hasenburg-Brennerei. Saisonal brennt dort der Museumsverein besondere Spezialitäten, wie etwa auch den Steinhäger Museumsbrand.

Der Vorsitzende des Museums, Gerhard Goldbecker, weiß um die Bedeutung des Steinhägers für die Gemeinde: „Der Schnaps hat Steinhagen in der ganzen Welt bekannt gemacht.” Er habe der Gemeinde Wirtschaftskraft und Vermögen gebracht. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die Flachs- und Textilindustrie daniederging, brachte der Steinhäger viele Familien in Lohn und Brot. Ebenso wie das Historische Museum ist auch die Annette-Schlichte-Steinhäger-Stiftung bemüht, das Andenken an den Schnaps aufrechtzuerhalten.

 
 
 
 
 


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