Kein schöner Land

12.11.11

Von Frank Jasper     Steinhagen. Steinhagen ist um einige Sehenswürdigkeiten reicher. Eine steht an der Bahnhofstraße: 43 Meter lang, 13 Meter breit und 775 000 Euro teuer. An der Brücke, die später die Bahnhofstraße über die Autobahn führen wird, kann man immer wieder Zaungäste beobachten, die interessiert innehalten und das Treiben auf der Baustelle beobachten. Nicht wenigen Bürgern dämmert spätestens jetzt, dass sich das Steinhagener Ortsbild einschneidend verändern wird.

„Jetzt sieht man erst mal, wie groß das alles wird”, sagt ein ältere Herr, der auf seinem Fahrradlenker lehnt und auf die Brücke zeigt. Eine Feststellung, die alle Verkehrsteilnehmer mit ihm teilen, die täglich diese Stelle passieren. Steinhagen befindet sich im Wandel.

Was über viele Jahre nur Striche und Linien auf Landkarten waren, nimmt in Form von Brückenbauten und kahl geschlagenen Schneisen Gestalt an. Man muss kein Autobahngegner sein, um diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen zu beobachten. Vor allem, wenn man im Umfeld der künftigen A 33 wohnen wird, die sich irgendwann vierspurig durch den Ort schlängelt, mit bis zu 40 000 Fahrzeugen pro Tag. Ein Tempolimit ist auf diesem Abschnitt nicht vorgesehen.

„Eigentlich”, wundert sich Marion Ernsting von der GNU (Gemeinschaft für Natur- und Umweltschutz), „wurde die A 33 ja immer als Entlastung beworben, die gebaut wird, um den Verkehr aus den Orten wegzuführen. Jetzt verläuft sie wie die Berliner Mauer direkt durch Steinhagen und zerstört dort viele Sozialsysteme.”

Die Umweltaktivistin fürchtet, dass durch die neue Verkehrsader sogar noch mehr Verkehr angezogen wird. Zum Beispiel in ein Gebiet, das neben dem Teutoburger Wald als das Naherholungsgebiet überhaupt von Steinhagen gilt: die Patthorst. Zumal am Schnatweg, auf der Grenze zu Halle-Künsebeck, eine Anschlussstelle geplant ist.

Um über diese Auffahrt auf die Autobahn zu kommen, dürften viele Autofahrer den Weg durch die Patthorst wählen. Laut einer Messung der GNU aus dem Jahr 2006 fuhren schon damals pro Tag knapp über 2000 Pkw durch Steinhagens grüne Lunge. Nach Fertigstellung der Autobahn dürfte es ein Vielfaches werden, fürchtet Marion Ernsting. Auch der Schierenweg und der Hilterweg könnten sich zu inoffiziellen Autobahnzubringern entwickeln.

 

 

GNU befürchtet starke Belastung der Patthorst

 

 

Dass an der Anschlussstelle Schnatweg auf der Grenze zu Künsebeck das Gewerbegebiet Ravenna-Park geplant ist, verschärft die Situation zusätzlich. Die Anwohner wissen, dass Autobahnauf- beziehungsweise -abfahrt und Ravenna-Park wie ein Magnet auf den Autoverkehr wirken werden. Marion Ernsting nickt zustimmend: „Sicher ist, dass sich durch die Autobahn neue Verkehrsströme bilden werden und diese werden die Patthorst deutlich höher belasten als bisher.”

Für Birte Ellerbrock steht fest, dass die Gemeinde Steinhagen als Ganzes die Folgen der Autobahn zu spüren bekommt. Die Studentin aus Isselhorst plant im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Hochschule Osnabrück ein kommunales Freiflächenkonzept für Steinhagen, das kurz vor der Fertigstellung steht. Darin geht es unter anderem um den Naherholungswert von Steinhagen, und auch die Autobahn spielt darin eine entscheidende Rolle.

„Natürlich wird die Wohnqualität abgewertet, weil die Erholungsgebiete direkt vor der Haustür durch die Autobahn zerschnitten und kleiner werden”, zeigt Birte Ellerbrock die Folgen auf. In ihrer Arbeit möchte die junge Wissenschaftlerin auch Wege aufzeigen, wie die Gemeinde einen Ausgleich schaffen kann. Auf die Ausgleichsflächen, die im landschaftspflegerischen Begleitplan aufgelistet sind, sollte sich Steinhagen nämlich nicht verlassen. „Bei den Schutzgütern, auf die sich die Ersatzmaßnahmen im landschaftspflegerischen Begleitplan beziehen, handelt es sich in der Regel um Tiere, Pflanzen, Boden und Wasser. Der Mensch taucht da gar nicht auf”, merkt Birte Ellerbrock an.

Thomas Kämpfer, beim zuständigen Landesbetrieb Straßen NRW für Landespflege zuständig, berichtet von 50 Hektar Fläche, die auf Steinhagener Gebiet für den Autobahnbau benötigt werden. Dem stehen rund 209 Hektar Ausgleichsflächen gegenüber. Also Gebiete, die als Ausgleich für das zugebaute Land ökologisch aufgewertet werden. Der Haken an der Sache: Die Ausgleichsflächen müssen sich nicht zwingend auf Steinhagener Gemeindegebiet befinden.

 

 

Die Autobahn als Image-Frage

 

 

Die Autobahntrasse werde eine deutliche Zäsur schaffen, die sich vor allem ins Bewusstsein der Menschen graben wird, ist Birte Ellerbrock überzeugt. „Nehmen Sie ein Wohngebiet wie die Niehaussiedlung: Die wird von Steinhagen abgeschnitten”, stellt die Studentin fest. Eine wichtige Rolle komme darum den Brücken zu, die derzeit im Entstehen sind und den Ort verbinden werden. Chancen sieht sie entlang der Wasserwege, schließlich werden auch die Bäche unterführt.

Daneben sollten verschiedene Angebote vor allem nördlich der Autobahn geschaffen werden, die den Einschnitt in die Natur ausgleichen. „Ich denke da nicht an klassische Parkanlagen, sondern an extensiv genutzte Flächen, die den Menschen mehr Naturerfahrung erlauben”, sagt Birte Ellerbrock.

Im Steinhagener Rathaus grübelt derweil Petra Holländer, darüber, wie die Gemeinde künftig mit der A 33 und ihren Folgen umgehen soll. Die Marketing-Beauftragte gibt sich pragmatisch: „Wir müssen das Beste daraus machen und offensiv mit dem Thema umgehen.” Noch, so sagt sie, gebe es im Rathaus keine offizielle Regelung.

„Wir beschäftigen uns zurzeit mehr mit den aktuellen Baumaßnahmen und den damit verbundenen Begleiterscheinungen. Aber natürlich müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Autobahn künftig anpacken. In eineinhalb Jahren werden die neuen Imagebroschüren gedruckt. Da wird die Autobahn ja wohl auch drin vorkommen müssen. Auf der einen Seite möchten wir, dass Fahrradfahrer und Wanderer nach Steinhagen kommen, auf der anderen Seite ist da die Autobahn”, erklärt die Stadtmarketingbeauftragte. „Zumindest wären dank der Autobahn potenzielle Gäste aus Osnabrück oder Paderborn viel schneller hier ...”, fügt sie hinzu.

 
 
 
 
 


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