Wo Zeit ihren Wert hat

10.03.10
von kerstin spieker     Werther-Häger. Ein neues Programm auf dem Computer zu installieren, das ist für Jochen Dammeyer kein Problem. Schließlich hat der 61-Jährige 40 Jahre bei IBM gearbeitet. Wenn es darum geht, das Wohnzimmer zu renovieren, dann würde er sich allerdings schon mal eine Hilfe wünschen. Jetzt will der Ruheständler eine Zeittauschbörse einrichten, die Menschen die Möglichkeit bieten soll, einander mit ihren jeweiligen Fähigkeiten zu unterstützen.

„Die Idee kam mir durch einen Freund”, erinnert sich Jochen Dammeyer. Der lebt in Herrenberg bei Stuttgart und erzählte ihm von der Zeittauschbörse in seiner Stadt. Etwa 60 Menschen bieten dort ihr Können und eben ihre Zeit an. Da finden sich Hilfsofferten wie die Begleitung zum Arzt oder die Unterstützung beim Kindergeburtstag über das Backen eines Kuchens bis hin zum Babysitten oder Hemdenbügeln. Auch eher exotisch anmutende Angebote wie astrologische Beratung oder miteinander singen und beim Klavierspielen zuhören finden sich im Herrenberger Zirkel der Zeittauschbörsianer. Und ganz besonders angesprochen fühlten sich Jochen Dammeyer und seine Frau Christiane von den vielen Möglichkeiten des Bildungstransfers im Bereich der Fremdsprachen. „Mein Freund berichtete von einem Konversationskreis für Englisch”, ist der 61-Jährige begeistert.

„Ich hatte mir immer vorgenommen, mich im Rentenalter nicht auf die faule Haut zu legen”, sagte Dammeyer gestern im Pressegespräch. Er habe durchaus das Gefühl, der Gesellschaft auch etwas zurückgeben zu wollen, jetzt, da er die nötige Zeit habe. Und die Zeittauschbörse scheint ihm ein gutes Projekt zu sein. „Ich hoffe, dass die Zeit reif ist für ein solches Projekt.” Dass im Zuge der wirtschaftlich unsicheren Zeiten der Sinn für den Wert der Gemeinschaft in den Vordergrund rücke.

Ideen, was sich alles in eine solche Zeittauschbörse einbringen ließe, haben die Dammeyers bereits viele. Sie reichen von Näharbeiten über Hausaufgabenhilfen bis hin zum Transport mit dem Pkw-Anhänger. Aber natürlich sollen vor allem auch die Teilnehmer die Gelegenheit haben, ihre Ideen einzubringen. Deshalb soll es Mitte April eine Gründungsversammlung für interessierte Zeittauscher geben. „Außerdem, das weiß ich von meinem Freund in Herrenberg, ist es ganz wichtig, dass sich die Teilnehmer persönlich kennen”, erklärt Jochen Dammeyer.

Dass das Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen unter den Zeittauschern gewahrt bleibt, darauf würde der Computerfachmann einen Blick haben. Er würde die Tauschbörsenseite im Internet einrichten und Punktekonten für die Mitglieder einrichten. Eine Stunde Tätigkeit bringen vier Dank-Punkte. Eine Unterscheidung in höher- oder minderwertige Arbeiten gibt es dabei nicht. Jochen Dammeyer möchte ein Limit von 100 Minuspunkten nicht überschritten sehen. Dann müsste der Teilnehmer erst wieder selber etwas leisten, bevor er erneut seine Mitbörsianer für sich in Anspruch nehmen könnte.

„Eine Konkurrenz etwa für Firmen soll die Tauschbörse auf keinen Fall sein”, betonen Jochen und Christiane Dammeyer. Schließlich sollen die Angebote nur unterstützender Natur sein. „Es soll nicht die Plattform für heimliche Schwarzarbeit entstehen”, machten sie deutlich. Nur wenn jemand ohnehin sein Wohnzimmer selber streichen würde, sei es sinnvoll, ihn dabei zu unterstützen.

¦ Den Termin für die Gründungsversammlung der Börse gibt das HK rechtzeitig bekannt.

 

 
 
 
 
 


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