Große Reiselust am Haller Kirchplatz |
31.10.08 |
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Von Nicole ventker
Halle. Irgendwie war ja klar, welcher Weg für Wolfgang Elsner vorgezeichnet war: Die gleichnamige Bücherstube am Haller Kirchplatz gehört zu den traditionsreichsten Läden in Halle. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts siedelten sich die Elsners in Halle an und boten an verschiedenen Stätten zunächst ihre Buchbindekunst an. Seit knapp 125 Jahren ist die Familie nun in dem alten Fachwerkhaus ansässig und handelt mit Literatur. Natürlich sollte diese Tradition fortgesetzt werden! Hat ja auch geklappt. Wobei - so mit 15, 16, da hatte er kurzfristig mal ganz andere Träume.
Der 52-Jährige lächelt. Dann sagt er leise: „Nun ja, ich wäre vielleicht ganz gerne zur See gefahren. Nicht, weil ich das Meer so schön finde. Nein, mehr um des Reisens willen. Ich reise doch so gerne.” Also heuerte er in den großen Ferien für sechs Wochen auf einem Frachtschiff an. Das fuhr von Hamburg nach Norwegen und wollte dem Jungen aus Ostwestfalen durchaus Abenteuer und Romantik bieten. Wolfgang Elsner zuckt grinsend mit den Schultern und meint trocken: „Ich wurde sofort seekrank. Danach hatte sich das Thema erledigt.” Also doch Ausbildung zum Fachbuchhändler. Und Übernahme der elterlichen Bücherstube - passte ja eh besser! Und traurig, nein, traurig sei er deshalb überhaupt nicht, betont Wolfgang Elsner. „Ich bin ja trotzdem gereist!” Und dann packt er ein bisschen aus: In der »Baja California« sei er gewesen - in jenem kleinen Zipfel Mexikos, der diese spektakulären Buchten und diese abweisenden Sierras mit 300 Jahre alten Kakteen unter stahlblauem Himmel bietet. Auch Südamerika habe er gesehen: Peru. Und Bolivien. Und dann sei er noch in Afrika gewesen. „Zwei Mal war ich in der Sahara”, erzählt er weiter. Immer wieder seien es die Naturlandschaften, die ihn reizten, fügt er erklärend hinzu. „Doch, also dafür kann ich mich wirklich begeistern”, fährt er fort und gerät fast ins Schwärmen. Wie sich Fernweh und die Sehnsucht nach diesen gewaltigen Panoramen mit einem Leben in Halle vereinbaren lassen? „Och”, neigt Wolfgang Elsner den Kopf zur Seite und lächelt wieder, „das geht sogar sehr gut. Halle ist eben Zuhause. Hier kennt man die Menschen, hier verdient man sein Geld, hier sind die Freunde, die Familie ...” Und das Leben zwischen Büchern gefällt ihm. Sehr sogar. Es funktioniert nun nicht, sich in einer Kleinstadt auf ein Thema zu spezialisieren”, erklärt Elsner. „Also pflege ich bei uns die Regionalliteratur. Grundsätzlich halten wir mehr unterhaltsame Literatur vor. Aber auch Antiquarisches ist dabei - da kommt es darauf an, was ich so finde.” Ansonsten könne er natürlich alle Titel besorgen, betont der Fachbuchhändler. »Abends bestellt, am nächsten Morgen geliefert«, laute auch in der Bücherstube das Motto. Selbst aus dem Ausland importiert Wolfgang Elsner und seine Kunden wissen das zu schätzen. Seine persönlichen Favoriten sind historische Romane, aktuelle Unterhaltung und - natürlich - Reiseliteratur. „Hier habe ich ein schönes Werk”, geht er zum Regal und zieht ein Buch heraus: „ »Mit dem Bulli durch die Welt« - herrrlich ...” Weil er meistens alleine im Laden steht - seine Frau Michaela arbeitet als Realschullehrerin in Gütersloh -, hat er vielleicht nicht den kompletten Überblick über all die vielen Titel. Kann er ja gar nicht. Muss er vielleicht aber auch gar nicht: „Wenn der Kunde ein wenig Zeit hat, finden wir schon das Richtige”, lächelt Wolfgang Elsner. „Man muss nur etwas miteinander sprechen.” Oftmals sind es auch persönliche Favoriten des Haller Geschäftsmannes, die er empfehlen kann. »Heile Welt« von Walter Kempowski zum Beispiel. Oder »Das Bücherzimmer« von Rosemarie Marschner. Darüber hinaus hat die Bücherstube auf fachliche Beratung hin nun ihr gesamtes Programm einmal bereinigt, viele alte Titel rausgenommen und das Niveau weiter angehoben. Nach Feierabend, also wenn die Bücherkunden den Laden verlassen haben, hat Wolfgang Elsner übrigens noch einen Zweitjob: Bilder rahmen. „Ich bestelle die Leisten, schneide die Passepartouts, wähle je nach Bild staubdichtes Glas, konservierende Rahmen und altersbeständige Kartons - damit die Bilder nicht in ihrer Qualität verlieren”, erzählt er. Und wenn er dann nach Hause kommt und er zwischen seinen geschätzten 3 000 und 5 000 Büchern, gelegentlichen Kurzreisen nach Mecklenburg-Vorpommern und Hündin Kimi, die die Elsners vor acht Jahren aus dem Tierheim geholt haben, noch etwas Zeit hat, dann, ja, dann legt er sich auf den Fußboden und bastelt an seiner Modelleisenbahn Spur N aus der Epoche III - also irgendwo zwischen Ende des Dampflok-Zeitalters und Beginn der Elektrifizierung. Mit diesen Zügen kommt Wolfgang Elsner zwar nicht bis nach Südamerika - die Fahrten können aber ganz entspannend sein ... |
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