Von Trainerlegenden und Fußballfan-Träumen |
23.05.08 |
![]() Sie kennen jeden Spieler und den Verein, für den er kickt, sie verfolgen mit Hilfe von Satelliten-TV und Internet die türkische Fußballmeisterschaft intensiver als die Bundesliga und können stundenlang über ihr Lieblingsthema diskutieren. Ihre Idole in wenigen Metern Abstand über den sattgrünen Marienfelder Rasen laufen zu sehen, bewirkt zunächst einmal den typischen Realitätsschock, der sich fast immer einstellt, wenn man einer der Berühmtheiten dieser Welt Auge in Auge gegenübersteht: Auch Prominente sind in erster Linie ganz normale Menschen. Gerade Fußballer verlieren in der Realität schnell ihre Übergröße, die durch Fernseh-Bilder vermittelt wird. „Viele von denen sind ja doch ziemlich klein”, meint Yasin Tekes. Einer allerdings ragt von der Körpergröße deutlich heraus: Torhüter Volkan Demirel. Und einem seiner größten Fans fällt allein schon bei Demirels Anblick ein Stein vom Herzen. „Er war verletzt und es ist fraglich, ob er spielen kann”, sagt Onur Sener. Der 17-Jährige spielt Fußball im Verein, seit er bei den Mini-Kickern des SC Halle angefangen hat. Nach etlichen Vereinswechseln auf der Suche „nach der besseren, höher spielenden Mannschaft” ist er derzeit für den VfL Theesen in der A-Jugend-Westfalenliga aktiv und natürlich selbst Torwart. Mit Argusaugen beobachtet Sener, wie Demirel abseits von der Mannschaft lockere Platzrunden mit einem Extra-Trainer dreht. Erst als der Star-Torwart zu einigen schnellen Seitwärts-Steps ansetzt, ist er überzeugt: „Der ist voll belastbar und spielt auf jeden Fall.” Yasin Tekes hat mehr das Gesamtgeschehen im Blick: „Man staunt schon, wenn man sieht, dass die genau dassselbe im Training machen wie wir”, sagt er. Warmlaufen, ein paar Dehnübungen mit dem Fitness-Coach und dann lockere Pass-Spiele mit leichten Zweikämpfen. Auch Tekes hat als Mini-Kicker in Halle angefangen und in der E-Jugend zwei Jahre für Arminia Bielefeld gespielt, doch ist er dann wieder zum SC Halle zurückgekehrt. Inzwischen spielt der 18-Jährige zwar für den BV Werther, aber selbst nur noch sporadisch. „Ich bin seit drei Jahren als Fußballschiedsrichter aktiv, das geht bei mir vor.” Am Samstag bestand er die Bezirksliga-Prüfung und darf jetzt in der Seniorenklasse sein Können unter Beweis stellen. Anfangs lockte ihn vor allem das damit zu verdienende Taschengeld, inzwischen glaubt er, „dass ich im Schiedsrichterbereich mehr erreichen kann”. Seine Bewunderung gilt vor allem Fatih Terim, dem Cheftrainer der türkischen Nationalmannschaft. Der hat im Jahr 2000 mit Galatasaray den Uefa-Cup gewonnen und „und ist seitdem ein Volksheld in der Türkei, eine Trainerlegende, so wie Ottmar Hitzfeld”, erläutert Yasim Tekes. Und dann kommt der Moment, wo die Trainerlegende den konzentriert zuschauenden jungen Mann im Presse-Pulk entdeckt. Er nähert sich ihm auf wenige Zentimeter und mustert ihn mit scheinbar drohender Miene. Erst als Onur Sener anfängt zu lachen, knufft der Nationaltrainer Tekes freundschaftlich am Arm und lächelt ihm zu. Der türkische Fußball-Verband zeigte sich sehr großzügig und ließ die beiden Haller dank vorheriger Absprache ganz dicht ans Geschehen heran. Das passt zu der lockeren Stimmung, die derzeit noch im Trainingslager herrscht. Einige hundert Fans hatten sich vor der Hotelzufahrt versammelt und warteten auf ihre Stars. Manche schleichen sich in die Nähe des Trainingsplatzes und spähen, ihre Nationalmannschaft laut anfeuernd, über die Sichtzäune. Die Offiziellen reagieren darauf eher unerwartet: Sie lassen alle Interessierten auf den Platz, wo sie in respektvollem Abstand, aber immerhin mit eigenen Augen, das Geschehen auf dem Rasen verfolgen können. Auf der Homepage des Verbandes erfährt man, dass selbst für den Aufenthalt in dem Land der Eidgenossen, wenn die Türken in ihrer schweren Gruppe auf Portugal, Tschechien und den Gastgeber Schweiz treffen, noch öffentliche Trainingseinheiten angesetzt sind. Angesichts der vielen türkischen Fans, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Hause sind, bauen die Türken wohl auch auf die Unterstützung des Publikums, die sich mit so viel Offenheit vielleicht noch steigern lässt. Wenn es zum Aufeinandertreffen der türkischen Nationalmannschaft mit dem DFB-Team kommen sollte - was im Viertel- oder auch Halbfinale durchaus möglich ist - dann ist für die beiden jungen Haller die Frage nach ihrer Loyalität sicher zweifelsfrei beantwortet. „Mit dem Kopf sind wir immer bei der türkischen Nationalmannschaft”, sind sie sich einig. Auch, wenn die Idole scheinbar dasselbe Training machen wie ihre Fans. „Der Unterschied ist das Tempo. Und das Talent”, stellt Yasin Tekes abschließend fest. |
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